Freitag, 23. Januar 2009

Rund ums Gehalt V: Gehaltsentwicklung

Ein Freund von mir arbeitet im Vertrieb. Als er mir neulich sein Jahresgehalt nach mehreren Jahren Berufserfahrung mitteilte, war ich doch etwas baff: Es war weniger, als ich aktuell verdiene. Als er mir dann im Anschluss sagte, dass er dieses Jahr beabsichtigt, beim gleichen Arbeitgeber doppelt so viel zu verdienen, war ich noch ein Stückchen baffer. Eine Gehaltsverdopplung innerhalb eines Jahres? Wie kann das gehen?

Er beschrieb mir dann, wie Vertrieb läuft. Wenn man einsteigt, hat man keine Kunden. Man muss sich erst einmal einen Kundenstamm aufbauen, z.B. durch Kaltakquise. Außerdem vertreibt man nicht direkt die Top-Produkte, sondern kriegt den Kleinscheiss, der nicht viel Provision bringt. Das erste Jahr muss man als Investitition betrachten.

Nach einem Jahr (wenn man gut im Vertrieb ist) hat man einen Kundenstamm, der einem kontinuierlich ein Provisionsgrundrauschen beschert. Zudem besteht die gute Möglichkeit, dass man an die spannenden Produkte/Kunden rangelassen wird. Die Logik ist: Wer die ersten sechs Monate überlebt (im Vertrieb zählt die Probezeit noch was), wer sich durch Kaltakquise etwas aufbaut, der kann auch was.In seinem Fall ist er von Kleinkunden auf Großkunden gewechselt. Großkunden haben große Umsätze und große Provision, was noch einmal substantiell einen Gehaltsschub bedeutet.

An seinem Beispiel lässt sich nachvollziehen, dass man auch die eigene Gehaltsentwicklung im Auge haben muss, wenn man einen Job annimmt. Mein Freund kannte seine Talente, er wusste, dass er nach einem Jahr einen angemessenen Kundenstamm haben würde, und er kannte die Höhe der vertraglich zugesagten Provisionen. Das hieß, ein Jahr auf Geld zu verzichten, war keine schlechte Investition. Besonders wenn die Firma nett ist und man sich für das Geld auch nicht tot machen muss.

Ein anderes Beispiel kann ich aus dem Beratungsumfeld darstellen. Ein Kollege hat gut verhandelt, als er einstieg. Nur hatte er sich damit die zukünftigen Gehaltserhöhungen vorweg genommen und ging zwei Jahre in Folge leer aus. Sein Problem ist, dass die Gehaltserhöhung in seinem Fall freiwillig durch den Arbeitgeber erfolgen. Es gibt keinen Tarifvertrag oder eine sonstige Regelung, die sein Gehalt von außen festlegt.

Bei mir ist das ähnlich. Meine Firma hat dieses Jahr die fest zugesagte Gehaltsrunde bis Sommer "zurückgestellt". Ich bin befördert worden (Stufe 1 -> Stufe 2), werde aber noch, wie ein Stufe 1 Mitarbeiter bezahlt. Gäbe es einen Tarifvertrag, hätte ich dieses Problem gar nicht. Dann wäre jeder Stufe ein festes Gehalt zugeordnet. Durch die Beförderung wäre gleichzeitig auch eine Gehaltsanpassung erfolgt.

Daneben bietet die Existenz eines Tarifvertrags und einer starken Gewerkschaft weitere Vorteile für die Gehaltsentwicklung. Z.B. erfolgen Gehaltsanpassung häufig automatisch über die Betriebszugehörigkeit. Außerdem sorgen Gewerkschaften dafür, dass die Mitarbeiter angemessen am Betriebsgewinn partizipieren. Aktuell in den Nachrichten sind die Forderungen von UFO an die Lufthansa.  15% mehr Lohn stehen im Raum, weil die Lufthansa so gut verdient hat (>10%). Ich will ihnen das nicht leiden, nur ärgert mich, dass meine Firma besser verdient und bei mir die Gehaltsrunde ausgesetzt wird. Unter Berücksichtigung der Inflation und des Gesundheitsfonds habe ich einen Reallohnverlust.

Für mich bleibt nur der Markt, um meine Gehaltsanpassung durchzuführen. Das ist auch der Grund, warum ich mein erstes Telefondate geführt habe.

1 Kommentar:

  1. Da kann ich nur vollkommen beipflichten. Komisch, dass in den Nachrichten in den letzten Jahren immer wieder von immensen Lohnsteigerungen geredet wird, aber wenn ich meinen Chef drauf anspreche: Nada.

    Aber wie gesagt, der Markt wird es schon richten. ;-)

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