Dienstag, 29. Juni 2010

Bergruen und Karstadt

Es ist anscheinend durch. Karstadt wird von Nicolas Berggruen übernommen, einem Privatinvestor. Die Interessenten standen nicht gerade Schlage für den Warenhauskonzern. Am Ende lagen drei Angebote vor, eines davon von Karstadts Vermieter, Highstreet (s. Goldman an die Scannerkasse).

Berggruens Übernahme wird in den Medien größtenteils skeptisch gesehen. Er habe kein Knowhow im Einzelhandel, wolle zu wenig Geld in die Filialen investieren und das Warenhaus sei ein Auslaufmodell. Dem Spiegel kommen wohlfeine Zweifel am Konzept. Berggruen selbst bezeichnet die Übernahme als "vielleicht etwas wagemutig".

Von außen hat man natürlich schwer Einblick in die Materie. Es ist recht leicht, Gründe zu finden, warum Berggruen sich vergaloppiert. Wenn Karstadt ein Schnäppchen ist, warum standen dann die üblichen Verdächtigen aus der Private Equity Branche nicht Schlange? Die Bücher geprüft haben sie alle. Generell ist es eine gesunde Haltung, einfachen Lösungen gegenüber skeptisch zu sein.

Samstag, 26. Juni 2010

Wenn so Provinzstadt aussieht

Der Spiegel hatte diesen Monat einen Artikel zur Bahn und den deutschen Hochgeschwindigkeitsstrecken: Superzug auf Schleichfahrt. Ein paar Details sind interessant, die grobe Richtlinie aber wenig neu. Dass die Verschiebung der Entwicklungsverantwortung von der Bahn zu den Lieferanten (sprich Siemens) ein Griff ins Klo war, ist schon lange bekannt. Sich auf die Anforderungen beschränken, um Kosten zu sparen, reicht bei einem Individualprodukt eben nicht. Ebensowenig wie Züge schnell fahren können, wenn die Strecke es nicht hergibt, weil die Strecke aus Wilhelminischen Zeiten stammt.

Einen Kritikpunkt hingegen teile ich nicht:
"Zudem sorgen die föderalistischen Machtstrukturen der Bundesrepublik dafür, dass Provinzstädte, die kaum einen Regionalzug ernähren können, ICE-Bahnhöfe bekommen. Das zwingt den schnellsten Zug zur Schleichfahrt." 
Als Beispiel werden Montabaur und Limburg genannt sowie Göttingen, Mannheim oder Darmstadt. Als Vorbild wird Frankreich genannt, wo der TGV teilweise ohne Halt von Paris nach Marseille fährt.

Jetzt ist der Vergleich mit Frankreich auf vielen Ebenen unfair. Abgesehen von der unterschiedlichen Geographie und Siedlungsstruktur, sei auf die massiven Steuergelder verwiesen, die investiert wurden, um die Strecken zu bauen. Zudem hat Deutschland bei mehr Einwohnern eine geringere Fläche als Frankreich. Das führt z.B. dazu, dass die 22. größte Agglomeration Deutschlands, Bielefeld, in Frankreich auf Platz 10 wäre (größer als Toulon). Der Großraum Mannheim übrigens hat 1,25 Mio Einwohner und läge in Frankreich auf Platz 4. Wenn so Provinzstadt aussieht...

Sonntag, 20. Juni 2010

Tarifverträge für die Finanzanlage

Unter IT-lern sind Tarifverträge die Seltenheit. Mir fallen nur einige IT-Konzerne ein, wo Tarifverträge gelten, z.B. IBM, HP, SAP oder die Telekom. Detaillierte Infos finden sich bei verdi. SAP, wo der Betriebsrat erkämpft werden musste, ist ein schönes Beispiel für die Haltung, die unter IT'lern gilt: Ich regel das schön selbst. Wie ich schon schrieb, es ist amüsant, dass sozial äußerst kompetente Informatiker ihr Gehalt mit BWL'ern verhandeln wollen. Die miese Gehaltsentwicklung im IT-Bereich gibt mir da recht.

Abgesehen vom IT-Sektor findet sich diese Haltung auch in anderen Berufen. Irgendwo habe ich mal die Aussage eines Personalberaters gelesen, dass sich mehr als drei Viertel seiner Kunden zum Topquartil in ihrem Beruf zählen. It doesn't add up.

Ein Tarifvertrag hat per se viele Vorteile:
  • Es gibt weniger Neid, weil transparent ist, was wer warum verdient.
  • Der Mitarbeiter kann mit der Gehaltsentwicklung planen. Für Inflationsausgleich ist im Normalfall gesorgt.
  • Die Verhandlungen werden zentralisiert geführt, statt ein Mann gegen die große Firma. Insbesondere Punkte wie Überstunden, Reisezeiten oder Urlaub werden dann arbeitsrechtlich sauberer geklärt als in Einzelverhandlungen.
  • Der Durchschnitt (also die Mehrheit der Mitarbeiter) fährt damit besser. Selbst für Topperformer können die obigen Punkte interessant sein.
Gerade der Neidfaktor kann für eine Firma tödlich sein. Wenn alle denken, der neue Kollege verdient um Längen mehr als man selbst, steigt die Unzufriedenheit und es wird härter verhandelt bzw. die Mitarbeiter sind immer auf dem Sprung. Always on the run.

Donnerstag, 10. Juni 2010

Apfel-Birnen-Kompott à la Münchau

In meinem letzten Post zum propagandistischem optimierten Wirtschafts-Zahlenwerk der USA bin ich ein Beispiel dafür schuldig geblieben, wie diese getürkten Statistiken in der Meinungsbildung zum Einsatz kommen. Das möchte ich heute nachliefern und kein geringerer als Wolfgang Münchau gibt mir die Ehre. Aus seiner Kolumne "Irrtümer der Sparsamkeit" stammt folgende Aussage:
"Eine der schockierendsten Statistiken des letzten Jahrzehnts ist, wie wenig Deutschland gewachsen ist. Wenn man die Periode zwischen den Rezessionen von 2001 bis 2009 zugrunde legt - also einen ganzen Konjunkturzyklus - dann erhält man akkumulierte Wachstumsraten für die USA von 16 Prozent, für Frankreich von zehn, für Japan von sechs und für Deutschland von 3,5 Prozent."
Münchau ist zu schlau, um nicht zu wissen, dass er hier Apfel-Birnen-Kompott anrührt. Er brauchte wohl einfach eine Zahl, die zu seiner Argumentation passt. Intellektuell schade finde ich das schon.

Mittwoch, 9. Juni 2010

They cheat!

Es gibt viele geniale South Park Folgen. In einer Episode spielt Cartman den Substitute Teacher für eine Klasse von underpriviledged, inner city Latino- und Afroamerikaner. Seine Erklärung, warum die Weißen in Tests besser abschneiden: They cheat! Und so bringt er seinen sozial benachteiligten Schülern alle Tricks bei, um im nächsten Test durch Schummeln zu bestehen. Wie ein reicher Weißer.

Dieser Tage wird gern nach Griechenland gezeigt, wenn es ums Schummeln geht. Den Euro hätten sich die Griechen erschlichen und ihre aktuellen Defizitzahlen hätten sie auch bewusst falsch gemeldet (-12,7% statt knapp -14% des BIP). Die hohen Zinsen seien eine gerechte Strafe.

Ich sehe das anders. Dass die Griechen bei der Einführung 2001 die Euro-Kriterien nicht erfüllten, wußte man schon vorab im Jahr 2000. Es war ein politischer Wunsch, Griechenland beitreten zu lassen; das Schummeln wurde toleriert. Und ob es jetzt 14% oder 12,7% Defizit sind, macht auch nicht mehr den Unterschied: Wenn man beim Haushaltsdefizit (in Prozentpunkten des BIPs) zweistellig wird, steckt man verdammt tief in der Scheiße.

Montag, 7. Juni 2010

Lage, Lage, Lage

Andernorts habe ich mich etwas über den deutschen Immobilienmarkt informiert; ein Thema, das mich momentan sehr interessiert und dem ich schon vor einem Jahr einen kleinen Post gewidmet habe.

Aus Angst vor der ominösen Inflation, die da kommen mag, wird vielen Anlegern geraten, in bleibende Werte zu investieren. Kauf dir eine Wohnung, die ist sicher. Jedenfalls in den guten Lagen. "Lage, Lage, Lage" rufen die Makler.

Die "guten" Lagen finden sich zuvorderst in den Ballungszentren, denen man trotz Bevölkerungsrückgang einen stabilen bzw. wachsenden Immobilienmarkt unterstellt, insbesondere Hamburg oder München. Dort ziehen die Preise fleißig an, so fleißig, dass ich mich frage, ob dort eine Blase im Entstehen ist. Dass ganz Hamburg oder München Toplage ist, daran mag ich nicht glauben

Unterfüttert wird die Nachfrage durch mehrere Faktoren.
  • Die Zinsen sind günstig, so dass hohe Preise für Käufer "darstellbar" sind.
  • Die Käufer verspüren Zeitdruck, das Geld noch vor der großen Inflation zur Seite zu schaffen.
  • Die Marketingmaschine ist in vollem Gange.
Als Privatanleger sechsstellige Beträge unter Zeitdruck auszugeben, ist ein riskantes Spiel. Im Zweifelsfall wird man nie wieder eine ähnlich hohe Ausgabe wie eine Immobilie vornehmen. Das will reiflich überlegt sein. Man sollte nicht vergessen: Ruhiger Schlaf ist auch ein wertvolles Gut.

Handelt es sich also um eine Blase? Einige professionelle Berater jedenfalls raten ihren Kunden, ihre Immobilien zu verkaufen. Die Preise seien zu hoch, das wäre jetzt ein gutes Geschäft. Man koenne dann in der Zukunft wieder einsteigen; sobald die Preise gefallen seien.

Mir selbst fehlt der Einblick in die Materie. Ich weiss nur zwei Dinge:
  1. Die Wahrscheinlichkeit der Existenz einer Blase verhaelt sich antiproportional zur Vehemenz mit der "serioese" Vermoegensberater auf die Werthaltigkeit ihrer Immobilie hinweisen.
  2. Als Kleinanleger ist man meistens zu spaet bei der Spekulationsparty dabei; statt toller Gewinne haelt man den Schwarzen Peter in der Hand.

Donnerstag, 3. Juni 2010

Robert E und die Umleitung

Als regelmäßiger Bahnfahrer hatte ich weder Verständnis noch Mitgefühl für Robert E's Selbstmord. Sich vor einen Zug zu schmeißen, steht bei mir auf der Hassliste ganz oben. Mit seinem Ableben versaut man tausenden von Bahnreisenden den Tag, ganz zu schweigen vom Lokomotivführer, der nichts machen kann, oder den Einsatzkräften, die im Anschluss aufräumen müssen.

Wenn es nach mir ginge, würde pietätlos weggeräumt und weitergefahren. Stattdessen rückt die Polizei an und prüft, ob es sich wirklich um einen Selbstmord handelt. Das dauert je nach Erreichbarkeit der Unfallstelle eine bis drei Stunden (Erfahrung). Zwei Stunden ist ein guter Richtwert. Die Strecke Frankfurt-Köln klammere ich hier explizit aus.

Der Ablauf nach einem Personenschaden läuft in etwa so. Es kommt die Durchsage, die vom Personenschaden oder vom Notarzteinsatz spricht. Und dass bis auf weiteres die Strecke gesperrt sei. Und dann wird erst einmal gestanden. Was dann passiert, hängt vom eigenen Glück ab.