Mittwoch, 29. September 2010

Barwert und Bargeld

Wer sich mit den Feinheiten des Bafögs beschäftigt, kommt nicht umhin zu erkennen, dass es viele Studierende gibt, die Bafög brauchen, es aber nicht bekommen. Klassiker sind der zu spät erfolgte Studienfachwechsel oder die Eltern, die nicht zahlen wollen, was sie gemäß Sozialgesetzbuch zahlen sollen.

Ebenfalls spannend ist der Umgang mit Vermögenswerten. Ein Bekannter von mir hat in seinem Studium kein Bafög erhalten, weil er über vermeintliches Vermögen in Form eines Hauses verfügte. Dieses Haus gehörte seiner Großmutter, sie hatte es ihm und seinem Bruder überschrieben. Sich selbst hatte die Großmutter natürlich ein lebenlanges kostenfreies Wohnrecht zugestanden. Damit stellte das Haus zwar Vermögen dar, aber eben in der Zukunft.

Diesem zukünftigen Vermögen lässt sich selbstverständlich ein heutiger Wert zuweisen. Dazu braucht es keine große finanzwirtschaftliche Hexerei; die Invertierung der Zinses-Zins-Formel reicht völlig. Man spricht dann vom Diskontieren und was man erhält ist der Barwert (Present Value):
  • Barwert = Wert / (1 + r) ^n
 Dabei bedeutet:
  1. r ist der Finanzierungszinssatz.
  2. n entspricht der Lebenserwartung seiner Großmutter.
  3. Der Wert ist der zukünftig zu erzielende Verkaufspreis der Immobilie. 
Füllt man nun die Formel mit Werten (r=5%, n=20 Jahre, Wert=300.000€), kommt man zu einem Barwert von 113.066,84€. Für ihn macht das also 56533,42€ statt 150.000€ (sein Vermögen wurde fast gedrittelt). Damit hätte er immer noch kein Bafög bekommen, ganz abgesehen davon, dass das Studentenwerk sich die Mühe gar nicht gemacht hätte.

Montag, 20. September 2010

Deutsche Pfandbriefbank: 40 Mrd sind auch ein Statement

Dank der Finanzkrise wird mir immer wieder mein fehlendes Gespür für Ironie und Sarkasmus vor Augen geführt. Immer wieder lese ich Artikel in deutschen Qualitätszeitungen, wo ich baff davorstehe und mich frage: Meinen die das wirklich ernst? Das muss einfach ein Witz sein.

Heute kommentiert die FTD die Boni der Deutschen Pfandbriefbank. Die FTD verwendet immer noch den alten Konzernnamen Hypo Real Estate (HRE), der schon seit über einem Jahr nicht mehr gültig ist. Personalabteilungen sind da weniger nachsichtig als das Ressortlektorat.

Grundtenor des Kommentars: Die Summen seien vernachlässigbar, arbeitsrechtlich geboten und generell notwendig, um gute Mitarbeiter zu halten:

"Denn gerade ein Institut wie die HRE braucht gute Mitarbeiter, und die gibt es nicht zu Magergehältern. [...] [D]er Bonus war vielen der 1400 Begünstigten ursprünglich ohnehin per Arbeitsvertrag zugesichert worden. [...] [Z]umal sich rein rechnerisch pro Kopf die nicht gerade exorbitante Summe von knapp 18.000 Euro ergibt." [FTD: Sinnvoller Bonus für die Müllmänner von der HRE]


Man könnte sich schon an den "nicht gerade exorbitanten" 18.000 Euro aufhängen. Bei mir (Akademiker mit mehreren Jahren Berufserfahrung) wären 18.000€ mehr als Dreimonatsgehälter, sprich "exorbitant". Wie es in der Redaktion der FTD aussieht, weiß ich nicht.

Sonntag, 19. September 2010

Die Boni der Deutschen Pfandbriefbank: Vermeintlich unvermeidbar

Die HRE Deutsche Pfandbriefbank hat es in kurzer Frist zweimal in die Schlagzeilen geschafft. Erst haut sie den Staat um weitere 40 Mrd an, weil sonst die direkte Pleite drohte. Dann kommt raus, dass sie kurz vor dem Anhauen und trotz Milliardenverlusten einigen "Topmitarbeitern" Boni gezahlt hat, in Summe 25 Mio €. Hierbei wird seitens der Deutschen Pfandbriefbank auf die Unvermeidbarkeit verwiesen, man sei schließlich an Arbeitsverträge gebunden.

Zuallerst kann man natürlich festhalten, dass ein Arbeitsvertrag schlecht formuliert ist, der bei Sonderzahlungen im Millionenbereich die katastrophale Situation der Gesamtbank unzureichend berücksichtigt. Herrgott, seid mal froh, dass Ihr überhaupt noch Arbeit habt! Meine Erwartung wäre, dass für die neuen Mitarbeiter der Deutschen Pfandbriefbank (Wir stellen ein!) solche Passus nicht mehr möglich sind.

Bei den alten, anscheinend schlecht formulierten Arbeitsverträgen der Deutschen Pfandbriefbank dürfte der Bonus der "Topmitarbeiter" primär an deren individuellen "Leistung" (Performance) gekoppelt sein. Nur ist Leistung schwer objektiv zu messen. Im Bankenwesen wird Leistung deshalb vereinfachend mit der PnL gleichgesetzt (Profit and Loss = Gewinn und Verlust). Man bilanziert an einem Stichtag, wieviel Gewinn (oder Verlust) der Mitarbeiter für sein Buch (sein Portfolio, seinen Folder, seine Kostestelle, seinen Desk, seinen Bereich, seine Abteilung, ...) gemacht hat und wertet dies als seine Leistung.

Mittwoch, 15. September 2010

Bahnetiquette: Ein- und Aussteigen will gelernt sein

Als Bahn(viel)fahrer erwarte ich gewisse Verhaltensweisen von den Mitreisenden. Häufig genug geht es den anderen aber ab, so dass ich hier mal meine kleine Bahnetiquette darlegen will.

Erst aussteigen, dann einsteigen: Der Klassiker schlechthin. Sollte jedem Bahnreisenden bekannt sein. Ist leider nicht immer der Fall.

Sollte ein verschlafener Fahrgast zu spät zum Ausstieg kommen, also nachdem bereits Fahrgäste zusteigen, ist es trotzdem sinnvoll, ihm Platz zu machen. Jeder kann mal einen Ausstieg verpassen. Und die Panik der Aussteigers, Hilfe! Ich verpasse meinen Bahnhof!, kann schnell in wüstes Gerempel umschlagen.

In manchen Regionalexpressen gibt es zudem zweigeteilte Türbereiche, wo auf Zweidrittel der Türöffnung ein meterhohes Geländer angebracht ist (in der Mitte oder gar nicht wäre in meinen Augen sinnvoller). Die meisten Aussteiger bevorzugen den breiten Bereich, so dass viele Schlaumeier auf die Idee kommen, bereits auf der schmalen Seite zuzusteigen. Das verschiebt aber nur die Störung der Aussteiger vom Türbereich in den Zug. Und bei den anderen Zusteigern wird Panik getriggert, Hilfe, ich kriege keinen Platz mehr. Deshalb: Warten.



Donnerstag, 9. September 2010

Iren und Griechen

Da will ich gerade schlafen gehen und stolpere über folgende Schlagzeile bei süddeutsche.de:
Da braut sich was zusammen
Von C. Gammelin und A. Oldag
Investoren lassen Irland auflaufen, die privaten Haushalte in dem Land sind stark verschuldet und viele Immobilien stehen leer: Die Angst vor griechischen Verhältnissen geht um.
Griechenland und Irland zu vergleichen finde ich mutig. Griechenland lebt über seine Verhältnisse, unterhält einen aufgeblähten Beamtenapparat, zahlt Renten an Tote und die Griechen strotzen nicht vor Lust, Steuern zu zahlen. Das sind primär politische Probleme, für die es politische Lösungen gibt: Steuern rauf, Misswirtschaft runter.

In Irland hingegen ist eine Immobilienblase sondergleichen geplatzt. Der Wohlstand, den die Bürger im eigenen Heim vermuteten, hat das Vorzeichen gewechselt. Der Bausektor liegt darnieder, immerhin für 20% der Wirtschaftsleistung verantwortlich. Die inländischen Finanzinstitute schlucken heftigst an den Boom-Krediten an ihre Landsleute. Und die ausländischen Banken am Standort haben schon bessere Tage am Ormond Quay erlebt... Ehrlich, ich wäre aktuell lieber griechischer Ministerpräsident als Taioseach, da weiß ich, was zu tun ist, und das Wetter ist auch netter.

Sonntag, 5. September 2010

IBM: Management per Wunschvorstellung

Getreu der Logik der Märkte (Wir brauchen eine Wachstumsstory!) hat IBMs Generalsekretär Vorstandsvorsitzender Palmisano im Mai dieses Jahres IBMs Fünfjahresplan verkündet. Er will den Gewinn pro Aktie bis 2015 verdoppeln: von knapp 10 USD auf 20 USD pro Aktie. Um das zu erreichen, reicht ein reines Umsatzwachstum nicht (dann müsste man den ohnehin schon hohen Umsatz von 98 Mrd USD nämlich verdoppeln). Zusätzlich müssen auch die Renditen (Gewinn pro Umsatz) steigen.

Aus Deutschland, dem wichtigsten sozialistischen Bruderland der wichtigsten Landesgesellschaft in Europa, kommen jetzt aber gleich zum Start des Fünfjahresplans schlechte Neuigkeiten. Statt Umsatz und Gewinn auszubauen, hat die deutsche Landesgesellschaft 7% Umsatzeinbußen nach Amerika gemeldet. Die globale Zielerreichung ist durch die Entwicklung der Landesgesellschaft massiv gefährdet, weshalb es vom Generalkommitee aus der Zentrale in Armonk, NY, mächtig Druck gibt.

Der IBM-Deutschland Chef, Martin Jetter, hat daraufhin einen internen Brandbrief geschrieben, in dem er die Leistungen seiner der deutschen Mitarbeiter als „unzureichend“ kritisiert; auch eine Form der Mitarbeitermotivation. Bei insgesamt 21.500 Beschäftigten ist es wenig überraschend, dass sein motivierender Führungsstil es in die Medien schaffte; die FTD berichtete. Kleine Managementberatung meinerseits: Zum Job eines IBM-Deutschland-Chefs gehört neben dem siebenstelligen Gehalt, dem Dienstwagen, den Kuratoriumssitzen und der Einladung in die gängigen Talkshows auch die leidliche Verantwortung für die Entwicklung von Geschäft und Umsatz. In Armonk sehen sie das wahrscheinlich ähnlich.

Samstag, 4. September 2010

Die vier "größten" IT-Firmen nach der Süddeutschen

Gerade bei Süddeutsche online gesehen und mich gut amüsiert:

Kampf der IT-Giganten

Von Bernd Graff

Die vier größten IT-Firmen der Welt, Apple, Google, Facebook und Microsoft, können auf ihren Spezialgebieten nicht mehr wachsen - sondern nur noch im Kerngeschäft der Konkurrenz. Also quälen sie sich gegenseitig.  

Mit Superlativen ("größten IT-Firmen") sollte man als Journalist immer vorsichtig sein. Denn schauen wir uns mal die Umsatz- und Mitarbeiterzahlen sowie die Marktkapitalisierung der genannten Unternehmen an (Primäre Quelle Yahoo Finance): 

  • Apple: 35.000 Mitarbeiter,  58 Mrd USD Umsatz, Marktkapitalisierung 236 Mrd USD.
  • Google: 22.000 Mitarbeiter, 23 Mrd USD Umsatz, Marktkapitalisierung 150 Mrd USD.
  • Facebook: 1.200 Mitarbeiter, 1,1 Mrd USD Umsatz, nicht am Aktienmarkt.
  • Microsoft: 90.000 Mitarbeiter, 62 Mrd USD Umsatz , Marktkapitalisierung 210 Mrd USD.

Wie Bernd Graff auf die Idee kommt, Facebook als viertgrößtes IT-Unternehmen zu sehen, weiß nur er selbst. Aber auch ansonsten ignoriert er einige sehr großte IT-Konzerne, die man als Laie kennen könnte:

  • IBM: 410.000 Mitarbeiter, 98 Mrd USD Umsatz, Martkkapitalisierung 160 Mrd USD.
  • HP: 300.000 Mitarbeiter, 93 Mrd Umsatz, 123 Mrd USD Marktkapitalisierung: 
  • Oracle: 100.000 Mitarbeiter, 26 Mrd Umsatz, 115 Mrd USD Marktkapitalisierung.