Dienstag, 31. August 2010

Duftmarken setzen

Als Berater hat man relativ häufig die Freude, sich aufs Neue beweisen zu müssen. Man ist frisch im Projekt. Der Kunde kennt einen nicht, sondern nur den CV, die Anpreisungen des Vertrieblers und die Stimme vom Telefoninterview. Und häufig stehen einem die neu gewonnenen Kollegen sehr skeptisch gegeüber:
  • Die Internen unterstellen selbst günstigen IT-Beratern, dass die Tagessätze ach so hoch und ungerechtfertigt seien.
  • Die externe Konkurrenz wartet nur auf die Chance, die Projektstelle mit eigenen Mitarbeitern zu besetzen. Wie konnte man nur in ihrem Revier wildern?
Dann kommt hinzu, dass die gängige Probezeit von sechs Monaten für Interne bei externen Beratern sehr viel kürzer ausfällt. Manche Banken beauftragen monatsweise, das heißt zu jedem Monatsende (auch dem ersten) könnte man weg sein. Man steht also etwas unter Stress.

Eine Taktik, die sich bei mir bewährt hat, ist es, eine Duftmarke zu setzen. Man sucht sich eine Aufgabe, die die Aufmerksamkeit der Projektleitung (Management Attention) genießt und die hinreichend komplex ist, Eindruck zu schinden. Am besten nimmt man eine Aufgabe, die ewig liegen geblieben ist; das erhöht noch einmal die Aufmerksamkeit. Und dann findet man eine Lösung. Die Internen denken sich: "Wow, der Berater kann was." Und die Externen verstehen, dass das mit dem Rausmobben doch nicht ganz so einfach wird.

Echte Beratungsprofis treiben das Spiel so weit, dass sie ihren "Beratungsschwerpunkt" auf das Erwartungsmanagement und Bewerben ihrer Leistungen legen. Alles, was man tut, ist fürchterlich komplex. Das wird dem Kunden, natürlich nicht ganz so durchschaubar, wiederholt ins Ohr geflüstert, bis er es tatsächlich glaubt. Und wenn man dann eine Lösung hat, dann wird diese aggressiv als großer Wurf verkauft... Ich kleiner IT-Berater hingegen bin noch auf Leistung angewiesen.

Dienstag, 24. August 2010

Stuttgart 21 und die liebe Nachbarschaft

Das aktuelle Bahn-Prestigeprojekt heißt Stuttgart 21. Statt eines oberirdischen Kopfbahnhofs soll ein unterirdischer Durchfahrtsbahnhof entstehen, der über Tunnel angefahren wird. Klingt wahnsinnig? Wahnsinnig teuer: 5 Mrd and counting.

Die Befürworter führen einige Punkte für den Bahnhof auf. Zuallerst sind Kopfbahnhöfe nicht ohne Grund unpopulär: Sie kosten Zeit. Wer z.B. aus dem Südwesten aus Stuttgart zum Hauptbahnhof will, fährt eine schöne Spirale um die Innenstadt:


Noch schöner als in Stuttgart sind übrigens die Spiralfahrten um Frankfurt herum, wenn man auf der Nord-Süd-Achse unterwegs ist. Wie ich es hasse...

Neben der extra Wegstrecke kosten auch Gleiskreuzungen viel Zeit. Angenommen ich komme aus Karlsruhe (Nordwesten) und will nach München (Südosten). Dann muss ich einmal alle Gleise des Bahnhofs kreuzen: Ich blockiere also den gesamten Verkehr des Bahnhofs. Mit Sicherheitsabstand ist man schnell bei drei Minuten, die ein Zug, der von Nordwesten kommt und nach Südosten möchte, den ganzen Bahnhof stilllegt.

Freitag, 20. August 2010

Der große Beraterverschiebebahnhof

Montag morgens, Donnerstag abends oder Freitag nachmittags findet in Deutschland der große Beraterverschiebebahnhof statt. Ob mit Flugzeug, Bahn oder PKW, die Berater Deutschlands machen sich am Montag auf, um zum Kunden zu kommen. Und Donnerstag bzw. Freitag geht es dann nach Hause zurück.

Dabei fliegt Berater Müller montags von Hannover nach München, um BMW im Customer Relationship Mangement (CRM) zu beraten. Berater Schmidt hingegen, ähnlicher Background, fliegt von München nach Hannover, um die gleiche Dienstleistung für Volkswagen zu erbringen. Global betrachtet ist das der schiere Wahnsinn.
  • Die Mitarbeiter Schmidt und Müller sind unter der Woche nicht zu Hause.
  • Die Arbeitgeber von Schmidt und Müller müssen nicht unwesentliche Reisekosten tragen (Spesen, Hotel, An- und Abreise).
  • Die Umwelt wird belastet.
Und das alles, ohne dass für unsere Volkswirtschaft echter Mehrwert entsteht. Die Dienstleistung hätte bei gleicher Qualität lokal erbracht werden können.

Dienstag, 17. August 2010

Echter Reichtum 2010

In einer bekannten Szene von Wallstreet, Gekko (Michael Douglas) und Buddy (Charlie Sheen) sitzen gerade in einer Stretch-Limousine, klärt Gekko Buddy auf, was echter Reichtum sei:
"Wake up, will ya pal? If you're not inside, you're outside, OK? And I'm not talking a $400,000 a year working Wall Street stiff flying first class and being comfortable, I'm talking about liquid. Rich enough to have your own jet. Rich enough not to waste time. Fifty, a hundred million dollars, Buddy."

Im Kern macht er sich lustig über die kleinbürgerliche Vorstellung von Reichtum, die Buddy hat (und damit ein Großteil der Zuschauer): Flüge erster Klasse, den Skiurlaub im Frühjahr und der weihnachtliche Trip in die Karibik, die Villa, der große Fernseher, das Cabrio, die Tasche von Prada ... Ha, wie spießig.

Bei Stone neigt man schnell dazu, seine Charaktere als überzeichnet zu verstehen. Manchmal versucht er zu stark, die Message nach Hause zu bringen. Hier nicht. Die Realität hat Gekko schon längst überholt; seine 80er Jahre Vorstellung von Reichtum ist selbst schon wieder spießig. Nur 100 Mio $?

Echter Reichtum 2010 bedeutet mehr als den Privatjet, selbst mehr als den eigenen Fußballclub oder die Rennyacht. Echter Reichtum 2010 bedeutet zu spenden, wie jetzt geschehen in den USA. 30 38 der reichsten Amerikaner haben es Bill Gates und Warren Buffett gleich getan und stiften die Hälfte ihres Vermögens nach ihrem Tod für gute Zwecke. Im spießigen Deutschland fand sich bisher noch kein Milliardär mit ähnlichen Intentionen. Im Gegenteil: Es gab sogar Motze.

Donnerstag, 12. August 2010

Die Pendlerpauschale

Als Pendler ist man einigen Anfeindungen ausgesetzt. Die Grünen beklagen die Zersiedelung der Landschaft und den pendelbedingten erhöhten CO2-Ausstoß. Die Neider sehen im günstigen Einfamilienhaus auf der grünen Wiese einen Angriff auf ihren Wohlstand. Und die Liberalen halten die Pendlerpauschale für eine schlimme Subvention, die wirtschaftliche Fehlallokation bedingt (Bauen im Grünen) und das Steuersystem unnötig verkompliziert (Steuererklärung auf dem Bierdeckel).

In meiner Schulzeit konnte ich die Haltung nachvollziehen. Ich wohnte 2km von der Schule, zu der ich dann mit dem Fahrrad fuhr.

In meiner Ausbildung brachte mir die Pendlerpauschale nichts. Ich fuhr einmal durch die Stadt, immerhin 30min S-Bahn, zahlte aber dank der geringen Azubi-Löhne ohnehin keine Steuern: Wer keine Einkommensteuern zahlt, profitiert auch nicht von Steuersparmodellen.

Nach dem Studium jedoch fing ich an zu pendeln. Das war nicht dem Wunsch nach dem Heim im Grünen geschuldet, sondern einfach meiner Lebenssituation. Meine Freundin wohnte in A, ich arbeitete in B. Statt unter der Woche abends in B zu sein, setzte ich mich lieber in den Zug und fuhr nach Hause. Die monatlichen Kosten hielten sich dank eines Semestertickets in Grenzen. Ich zahlte knapp 100€, normal wären es 200€ gewesen.

Wer glaubt, ich sei hierbei mit Plus rausgegangen, täuscht sich. Denn etwas steuerlich geltend zu machen, bedeutet nicht, dass der Staat einem die Kosten erstattet. Er verzichtet nur darauf, diesen Teil des Gehalts zu besteuern; sprich er schenkt einem maximal 42% der Kosten als Steuerersparnis. 58% trägt man also weiterhin selber. Und auf die Sozialabgaben (20%), die im unteren bis mittleren Einkommenssegment ohnehin die Hauptlast darstellen, verzichtet der Staat ohnehin nicht.

Sonntag, 8. August 2010

Mythos blöde Landesbanker

Die von Bloggern sehr geschätzte Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) hat vor kurzem eine kleine Studie zum aktuellen Reformbedarf in Deutschland publiziert. Einerseits soll der Staat die Banken besser regulieren und die Aufsicht verbessern, andererseits sich möglichst schnell von seinen Bankbeteiligungen trennen. Adressiert werden hier primär die leidigen Landesbanken.

Die Landesbanken sind in der Bankenkrise so etwas wie die omnipräsenten Prügelknaben. Sie haben ahnungslos den amerikanischen Wertpapier-Giftmüll gekauft. Motto: Sell it to the Landesbanken! Auch das Osteuropa-Geschäft haben sie forciert. Und das alles unterfeuert vom Auslaufen der Landesbürgschaften. Das Risikomanagement hielt nicht Schritt. Milliarden waren letztlich nötig, um die Landesbanken am Leben zu erhalten. Schnell hört man auch die Klage, ach hätten wir den Sektor doch nur vor Jahren konsolidiert …

Und im Gezeter geht irgendwann der Bezug zur Realität der Finanzkrise unter. An den miesen Landesbankern hat alles gelegen! Und an den öffentlichen Eigentümern! Seht Euch nur die Deutsche Bank als Vergleich an.

Für mich ist der blöde Landesbanker ein Mythos, der vielen Seiten nutzt und deswegen regelmäßig rausgekramt wird. Deswegen ist er nicht richtig.

Mittwoch, 4. August 2010

Unwissenheit schützt vor Strafe nicht, Unfähigkeit schon

Die Meldung hatte ich fast verpasst. Gottseidank gibt es die Presseschau des Blicklogs: Das Strafverfahren gegen meinen Spezi Thomas Fischer wird eingestellt. Er zahlt 150.000€, davon 30.000€ an die Staatskasse und 120.000€ an eine gemeinnützige Kinderstiftung. Wie zu erwarten stellt die Zahlung kein Schuldeingeständnis dar.

150.000€ kann Thomas gut verkraften. Zu WestLB-Zeiten und davor wurde er mit Millionen entlohnt. Und noch heute zahlt ihm die WestLB ein Ruhegehalt im sechsstelligen Bereich. Dazu dürften noch Zahlungen seiner vorherigen Arbeitgeber (Deutsche Bank, LBBW) kommen. Wenn alles gut geht, kann er die "Spende" auch steuerlich geltend machen. Was will man mehr? Verfahren ad acta, Kindern geholfen und Steuern gespart.

Dieser Ausgang ist wenig überraschend. Wie ich bereits zur kfw schrieb: Unfähigkeit ist prinzipiell erst einmal nicht strafbar, anders als Unwissen. Es bedarf des Vorsatzes und den nachzuweisen ist verdammt schwer.

Montag, 2. August 2010

Haider in Liechtenstein

Die Hypo Alpe Adria Affäre ist immer wieder für ein Schmunzler gut. Dieser Tage wird bekannt, dass sich Jörg Haider wohl einen Teil des Kuchens abgeschnitten hat. Einige Liechtensteiner Konten wurden im Zuge von Korruptionsermittlungen gefunden. Das Geld sei aber weg: „Haider hat sich bitter beschwert, dass der Depp das Geld verspekuliert hat.“

Das mag im konkreten Einzelfall stimmen. Man sollte aber die Börsenweisheit im Hinterkopf behalten: Das Geld ist nicht weg, es hat nur wer anders. Tatsächlich sind der Finanzmarkt und das Spekulieren gute Werkzeuge zur Geldwäsche. Das Grundprinzip läuft in etwa so, auch wenn die technische Abwicklung natürlich sehr viel komplexer sein dürfte:
  1. Ich habe einen Pool sauberen Geldes und einen Pool mit Schwarzgeld.
  2. Mit dem Schwarzgeld spekuliere ich am Kapitalmarkt. Statt auf Gewinn zu gehen, gehe ich auf Sicherheit. Ich teile meine Wetten derart auf, dass ich abzüglich der Transaktionskosten immer wieder meinen Ursprungsbetrag verdiene. Kleines Beispiel aus dem Kasino: Ich setze 18/37 auf Schwarz und Rot und 1/37 auf die Null.
  3. Am Ende hat eine Wette gewonnen. Hierhin schiebe ich jetzt mein sauberes Geld. Der Wettgewinn stellt dann legale Einkünfte dar. Die Verluste? Wer kümmert sich schon um Verluste...
Wie gesagt, in Realität wird die Abwicklung sehr viel aufwendiger sein. Die Grundidee sollte aber klar geworden sein. Ob Haiders Geld also wirklich weg ist oder in der Karibik beim "Depp", kann niemand wissen.

Wer das für eine banale Anekdote hält: Im Zuge der Finankrise ist vermehrt Schwarzgeld in den Finanzsektor vorgedrungen. Und es gibt manche Stimmen, die den Boom der Derivate explizit auf die Geldwäsche zurückführen. So viel dazu.

Und wo ich gerade zur Hypo Alpe Adria schreibe hier noch eine Textpassage, die ich seit Urzeiten kommentieren wollte:
"Ingrid Flick und der frühere Deutsche-Bahn-Chef Dürr bestätigten am Donnerstag, dass sie 2007 mit Genussscheinen an dem exklusiven Fonds des späteren HGAA-Chefs Berlin beteiligt waren. "Sie hat eine Million investiert. Für Frau Flick war das ein eher bescheidenes Investment", teilte etwa der Vorstandschef der Flick-Privatstiftung, Jörg-Andreas Lohr, mit. Nach relativ kurzer Zeit habe die Witwe des Milliardärs Friedrich-Karl Flick annähernd 400.000 Euro Gewinn gehabt - also eine Rendite von 40 Prozent." [spiegel.de
Wenn ein Investor 40% Rendite in wenigen Monaten verdient (sprich über 100% aufs Jahr gerechnet) und das bei einem risikofreien An- und Verkaufsgeschäft mit viel politischer Intervention, sollte er wissen, dass es nicht mit lauteren Dingen zugeht. Dass Deutschlands Elite ein schlechtes Gewissen hätte, habe ich nicht vernommen. Na ja, war ja auch nur ein "bescheidenes Investment".