Freitag, 27. Februar 2009

The System und die Finanzanlage

In meiner Reihe "Derren Brown erklärt die Welt" möchte ich heute seinen Trick "The System" vorstellen, seine todsichere Methode "to win money at the horses". Wer sich den Trick anschauen will, findet ihn hier.

Wie immer: Da ich den Trick gleich erläutere, empfiehlt es sich, das Video vorher zu gucken. Und weil es sich um ein One Hour Special handelt, kann das etwas dauern. Die Auflösung ruiniert den Spaß wirklich....

Zum Trick. Derren Brown trifft eine Frau an der Rennbahn. Er hat ihr fünf Wochen lang die Gewinner von Pferderennen vorhergesagt: "Ich habe ein todsicheres System", "the System". Am Anfang war sie skeptisch, dann überrascht und mittlerweile vertraut sie 100% in seine Fähigkeit, das Rennergebnis vorherzusehen. Sie ist heute mit ihren gesamten Ersparnissen und dem Geld von Freunden zur Rennbahn gekommen, damit das "System" ihr Geld vermehrt. Ist ja ein todsicheres Ding.

Leider verliert sie. Alles. Und Derren erklärt dann, wie die Nummer gelaufen ist. Er hat insgesamt fünf Rennen getippt. Dazu hat er 7776 Menschen angeschrieben und jedem das System erklärt. Die "Tipps" waren derart gestaltet, dass jede mögliche Kombination abgedeckt war (6 hoch 5 = 7776). Das System musste also für eine Person funktionieren.

Ein banaler Trick. Und darauf ist sie reingefallen? Diese Idiotin. Selber schuld, wenn das Geld weg ist! ... Ich behaupte, dass auch unter den fünf Menschen mit vier richtigen genug gewesen wären, die Geld auf Derrens "Tipp" gesetzt hätten. Woran liegt das?

Zuallererst: Gier macht blind. Wer Geld verdient, ohne es zu erarbeiten, verliert die Perspektive und will mehr. Was ist leichter, als sein Geld an "The System" zu übergeben und auf die wundersame Geldvermehrung zu warten?

Das ist aber nur der eine Teil der Geschichte. Genauso wichtig ist, dass wir sehr schlecht mit Zufall umgehen können. Wenn beim Lotto die 13 die seltenste Zahl ist, können wir das nicht einfach so stehen lassen, sondern müssen eine Tendenz daraus ableiten:

  • Sichtweise 1: Die 13 muss jetzt aber kommen.
  • Sichtweise 2: Die 13 ist verhext, die tippe ich nicht.

Beides sind letztlich Seiten der gleichen Medaille: Wir versuchen aus vergangenen Ereignissen zukünftige abzuleiten. Nur funktioniert das bei Zufall nicht.

Wer Geld anlegt, sollte sich "The System" sehr gut anschauen. Offenkundig ist es nicht schwer, Opfer eines Betrügers zu werden. Ein schönes Beispiel sind Schneeballsysteme, wie sie jetzt bei Madoff oder Stanford aufgeflogen sind. Am Anfang produzieren diese Systeme hohe Renditen und so lange immer neue Mitglieder beitreten, verdienen alle sehr gut. Nur am Ende bleibt nichts übrig.

Ein älteres Beispiel für Schneeballsysteme ist Jürgen Harksen, der in Hamburg sein Unwesen trieb und in Dieter Bohlens Biographie genannt wird. Dieter Bohlen hatte sich von der Lohnsteuererklärung blenden lassen, in der riesige Einkünfte Harksens aufgeführt wurden. Harksens hatte einfach ein viel zu hohes Einkommen angegeben. Kleine Fälle, wo "Vermögensberater" Geld ihrer Kunden veruntreuen, finden sich immer wieder in den Lokalnachrichten.

Die Opfer sind meistens vermögend, gut gebildet und in Finanzdingen gut ausbildet. Im Madofffall war es sogar so, dass professionelle Vermögensverwalter das Geld ihrer Kunden bei Madoff angelegt haben und dass die staatliche Aufsicht den Betrug erst bemerkt hat, als der Schaden im zweistelligen Milliardenbereich lag.

Die Betrugsbeispiele sind an sich schon alarmierend. Nur leider findet sich das Muster auch in Formen der seriösen Geldanlage. Wer sich Hitlisten von Fonds anschaut und daran seine Anlageentscheidungen ausrichtet, leitet aus der Vergangenheit die Zukunft ab. Wenn man 100 Fonds betrachtet, wird es zwangsläufig einen darunter geben, der die letzten Jahre sehr gut performed hat. Inwiefern das Glück oder Können war, lässt sich nicht beurteilen. Es lässt sich eben keine Aussage über die Zukunft ableiten.

Für die Teilnehmerin am Pferderennen geht es letztlich doch noch gut aus. Derren zaubert ihr ein Gewinnerlos. Für den Normalanleger hingegen ...

Samstag, 21. Februar 2009

Employer Branding und Hochschulmarketing

Viele Firmen wenden viel Geld zwecks Employer Branding und Hochschulmarketing auf. Von Arbeitgeberseite klingt das dann so:

Das Employer Branding erfüllt hier eine strategische Funktion an der Schnittstelle zwischen HR- und Marketingabteilung und verfolgt das Ziel, "First Choice Employer" (z. B. bei Absolventen oder Young Professionals) zu werden. [E]s darum, mehr geeignete Bewerbungen zu erhalten, da Arbeitnehmer so die "richtigen" Erwartungen an die zukünftigen Arbeitgeber haben. Der Employer Brand (Arbeitgebermarke) entspricht damit eher einer Dienstleistungsmarke, die eine Zusage für eine künftige Leistung macht: Er kommuniziert dem Bewerber, warum er bei der Unternehmung arbeiten sollte, wie sein zukünftiges Arbeitsumfeld aussehen wird und wie die Unternehmenskultur gelebt wird. Dies führt gleichzeitig zu einer besseren Selbstauswahl bei den Bewerbern, dadurch zu richtigen Bewerbungen und schliesslich zu einem effizienteren Recruiting. [Alpha.ch - Patrick Mollet]

Der hier beschriebene Optimalfall unterstellt, dass die Marke tatsächlich die Werte, Kultur und die Arbeit eines Unternehmens charakterisiert. Was aber wenn nicht?

Bei mir in der Firma wird viel Geld für die Marke aufgewandt. Wir sind "populär" unter Bewerbern, insbesondere bei Berufsanfängern aus der Informatik. Das liegt daran, dass wir Überstunden und Reisezeiten bezahlen. Und daran, dass wir ja ach so tolle Projekte machen. Wir verweisen auch gerne auf unsere Methodik, die tollen Leistungen in der Niederlassung und den ortsnahen Einsatz.

Leider muss ich feststellen, dass die Marke nicht zur Realität passt. Was die Überstunden und Reisezeiten angeht, muss ich sagen, dass andernorts eben besser bezahlt wird und man mehr Urlaub hat. Die ach so tollen Projekte gibt es, nur arbeitet dort maximal die Hälfte der Mitarbeiter, wahrscheinlich sogar deutlich weniger. Die Methodik ist in einem Verfahrenshandbuch dokumentiert, nur habe ich sie nie in der praktischen Verwendung erlebt bzw. gebraucht. ... Man sieht, es klafft eine gewisse Lücke zwischen Marke und Realität.

Zu Beginn meiner Tätigkeit dachte ich, dass die Lücke meiner individuellen Situation geschuldet sei, dass mein Projekt besonders sei und dass ich danach ein viel tolleres Projekt kriegen würde. Heute denke ich, dass diese Lücke Absicht ist.

Ein Personalberater würde jetzt aufschreiben: Das kostet doch Unsummen! Warum falsche Erwartungen wecken? Wer hat etwas davon, wenn Mitarbeiter frustriert sind und man hohe Fluktuation hat?

Wenn man das bei Mitarbeitern mit Berufserfahrung versucht, ist das ohne weiteres richtig: Wer schon im Job steht, wer Angebote kriegt, der wird sich nicht lange auf so ein Spiel einlassen und die Konsequenzen ziehen. Bei Berufseinsteigern hingegen greifen drei Effekte:

  1. Man hat keine Vergleichsgröße.
  2. Man glaubt daran, dass es sich um einen Ausrutscher handelt (so wie ich auch).
  3. Man will nicht gleich den ersten Job schmeißen und macht daher die zwei Jahre voll.
So gesehen ist es für meine Firma relativ geschickt, die Marke fehlzupositionieren. Man kriegt sehr gute Bewerber zu einen niedriegen Preis, die mindestens zwei Jahre bleiben. Würde man ehrlich kommunizieren, müsste man andere Preise zahlen bzw. würde die Mitarbeiter gar nicht einstellen können. Wahrscheinlich bezahlt sich das Personalmarketing von selbst durch die Qualität der Mitarbeiter und das gesparte Geld.

Mittwoch, 18. Februar 2009

Fragen für ein Beratervorstellungsgespräch

Montag hatte ich mein letztes Bewerbungsgespräch aus dieser Bewerbungsrunde (große Banken-IT-Beratung). Als Motivationshilfe kam Montag Morgen noch eine Mail von meinem Vorstandsvorsitzenden, wo über die schlechte Auslastungssituation und die damit verbundenen Einsparmaßnahmnen lamentiert wurde. Bis auf weiteres werde ich bei meiner jetzigen Firma keine Lohnerhöhung kriegen. Schulungen und Zeit mit meiner Geschäftseinheit sind ebenfalls gestrichen.

Da ich jetzt schon etwas im Beratungsmillieu arbeite, habe ich einige Erwartungen an meinen Arbeitgeber. Hier mein kurzes Brainstorming zu Fragen, die ich im Bewerbungsgespräch stelle, um mich über Beratungspositionen zu informieren:

  • Definition Arbeitswoche: Wann muss ich anreisen? Reicht Montag morgens? Wann kann ich abreisen? Bin ich freitags vor 20h zu Hause? Ist das Wochenende frei?
  • Überstunden und Reisezeiten: Werden Reisezeiten/Überstunden bezahlt? Falls nicht: Wieviel Überstunden werden vorausgesetzt/erwartet? Was passiert, wenn man nach Schwäbisch-Hall muss und die Reisezeiten ein gesundes Maß überschreiten?
  • Reisekosten: Wie ist die Firmentravelpolicy? Wer bucht Firmenreisen? Wie werden Reisekosten abgerechnet?
  • Zeit in der Niederlassung: Wie häufig bin ich in der Niederlassung? Wie häufig treffe ich meine Kollegen aus anderen Projekten? Gibt es Niederlassungstage, wo alle vor Ort sind? Wie kommt man in die Niederlassung, wenn man "bundesweit" arbeitet und deshalb weit entfernt von der Niederlassung wohnt?
  • Projektaus- und abwahl: In welchen Projekten werde ich eingesetzt? Für welche Rollen bin ich eingeplant? Wie wird ein Projekt für mich gefunden? Bin ich bei der Suche beteiligt? Kann ich Projekte ablehnen? Wie lange dauert es, bis ich von einem Projekt runterkomme, das mir nicht gefällt? Werde ich von Projekte abgezogen, wenn sich ein interessanteres/relevanteres Projekt anbietet?
  • Kunden: Wie arbeiten wir mit den Kunden zusammen? Haben wir ein festes Vorgehensmodell oder eine bestimmte Methodik für IT-Projekte? Muss die Arbeit immer vor Ort beim Kunden stattfinden? Wer hat die Projektverantwortung?
  • Konjunkturfragen: Wie wirkt sich die Konjunkturkrise auf ihr Geschäft aus? Wie viel AE (Auftragseingang) haben Sie? Warum stellt die Firma gerade jetzt ein?

Donnerstag, 12. Februar 2009

Was Risikomanager von Rollenspielern lernen können

Ich habe im Netz eine Aufstellung von Eigenschaften gefunden, die einen schlechten Rollenspieler auszeichnen. Die Punkte sind:
  1. Playing a caricature, not a concept.
  2. Thinking your numbers are your character.
  3. Min-maxing.
  4. Worrying only about yourself, not about the group.
  5. Thinking every situation can be resolved by force.
  6. Never elaborating.
  7. Never roleplaying.

Eine detaillierte Erklärung der einzelnen Punkte und ihrer Bedeutung findet sich auf der Quellenseite. Hier meine kurze Übersetzung, was einen schlechten Risikomanager auszeichnet:

  1. Managing models, not your bank's business. Die meisten Risiken haben eine Kerneigenschaft: Sie lassen sich nicht genau beziffern. Deswegen verwendet man Modelle, die die Risiken repräsentieren sollen. Aber es sind nur Modelle. Sie entbinden einen Risikomanager nicht von der Aufgabe, sich mit dem Geschäft der Bank zu beschäftigen.
  2. Thinking your risk numbers are your risk. Selbst dort, wo ich über Modelle zu "tollen" Zahlen komme, muss ich mir bewusst machen, dass Modelle immer vereinfachen. Häufig wird z.B. eine Normalverteilung unterstellt, um Konfidenzintervalle zu berechnen. Wie so häufig, ist die Normalverteilungsannahme auch im Bankenbereich unpassend, Stichwort Tail Risks.
  3. Min-Maxing equity and return on equity. Das Spiel der Banken der letzten Jahre war es, das Eigenkapital möglichst niedrig anzusetzen, um die Eigenkapitalrendite (Return on equity, RoE) möglichst hoch zu treiben. Zum Senken des Eigenkapitals wurden üppige Dividenden gezahlt oder, schlimmer, Aktienrückkaufprogramme gestartet. Dadurch stieg die Verschuldung der Banken und der Puffer für Krisen wurde immer schmaler. Hinzu kommt, dass man im Boom sehr viel billiger an Eigenkapital kommt als in der Krise.
  4. Worrying only about yourself, not about your group. Der grassierende Egoismus und die Gier haben der Krise Vorschub geleistet.
  5. Thinking every risk can be modelled. Nicht jedes Risiko ist modellierbar bzw. über Modelle zu kontrollieren. Ein Klassiker sind operationelle Risiken. Hierbei handelt es sich um
    "die Gefahr von Verlusten, die in Folge der Unangemessenheit oder des Versagens von internen Verfahren, Menschen und Systemen oder in Folge von externen Ereignissen eintreten."
    Ein bekanntes Beispiel ist M. Kerviel, der die Adminpasswörter kannte und sich einfach selbst seine Limitfreigaben erteilt hat. Um hierfür zu einer Zahl zu kommen, kann man viele schlaue Verrenkungen anstellen. Man kann aber auch darüber nachdenken, welche Schwächen die eigenen Prozesse haben und an deren kontinuierlicher Verbesserung arbeiten.
  6. Never understanding. Ob die Risikomanager die Produkte ihrer Bank wirklich verstanden haben, ist fraglich.
  7. Never risk managing.

Mittwoch, 11. Februar 2009

Risikomanagement und Rollenspiel

Ich habe früher gerne Rollenspiele gespielt. Für diejenigen, die jetzt an WoW denken, sei gesagt: Es gab eine Zeit vor Onlinerollenspielen, wo man mit Bleistift, Papier, Würfeln, Freunden und der eigenen Phantasie die Abende verbrachte.

Ein P&P Rollenspiel (Pen und Paper) funktioniert wie folgt. Man hat einen Spielleiter, der das Szenario beschreibt. Die restlichen Spieler haben Charaktere, die sich in diesem Szenario bewegen. Durch Interaktion mit dem Spielleiter (Meister) erhalten die Spieler Informationen und können agieren. Falls ein Spieler in eine Situation kommt (z.B. Sprung über 5m breite Schlucht), wo der Erfolg der Aktion nicht klar ist, entscheidet das Würfelglück und die Eigenschaften des Charakters.

Man sieht, welch zentrale Rolle die Charaktereigenschaften spielen. Das Grundprinzip: Umso besser die Eigenschaften, umso mehr Erfolg hat man. Unter schlechten Rollenspielern ist es Usus, Stunden in die Charaktererstellung zu investieren und dabei jede Regel zu seinem Vorteil auszunutzen. 

Ein schönes Beispiel waren Trolle bei Shadowrun, einem Sci-Fi-Cyber-Punk Rollenspiels. Man fokussierte seine Punkte auf Stärke und Konstitution, sparte an der Intelligenz, investierte in Bio- und Cyberware und am Ende hatte man eine perfekte Kampfmaschine, die es mit einem Panzer aufnehmen konnte. Mein Troll ließ Handgranaten in der Hand explodieren. Er starb erst im Kampf mit einem Kampfhubschrauber, der mit Panzerabwehrraketen bestückt war.

Diese Form von Charakteroptimierung ist unter echten Rollenspielern verpönt. Ziel eines Rollenspiels ist es nicht, jedes Würfelduell für sich zu entscheiden, sondern einen spannenden Charakter zu spielen.

Im Risikomanagement einer Bank findet sich das gleiche Spielchen. Wie beim Rollenspiel gibt es beim Risikomanagement durch den Gesetzgeber Regeln, an die sich die Banken halten müssen. Statt Würfel haben Banken Eigenkapital. Sie müssen jedes Geschäft damit hinterlegen. Wenn Ihr Eigenkapital aufgebraucht ist, können sie kein neues Geschäft mehr machen. Deswegen ist das erklärte Ziel der meisten Banken, möglichst wenig Eigenkapital einzusetzen. Die Höhe des notwendigen Eigenkapitals richtet sich nach dem Risiko des Geschäfts. Wenn meine Risiken gering sind... Ein Teufel, wer denkt, hier wird etwas schön gerechnet.

Dienstag, 10. Februar 2009

FAZ: Island mag noch nicht zahlen

Gerade lobe ich die FAZ für ihre sachliche Darstellung zur Kaupthing Situation, schon finde ich auch dort Fehlinformationen. Unter dem Titel "Island mag noch nicht zahlen" werden die Gesamtschulden der drei isländischen Banken auf die isländischen Einwohner umgelegt:
"Allein aus diesen Bankverbindlichkeiten, denen natürlich auch Vermögen gegenübersteht, kommen auf jeden Isländer gut eine halbe Million Dollar Schulden."

Immerhin wird auf das Vermögen der Banken verwiesen. Was aber vergessen wird: Das Ganze ist völlig sinnfrei. Die Isländer werden nicht für die Schulden ihrer Banken einstehen. Sie werden die Einlagen entschädigen, gemäß den internationalen Verpflichtungen. Hierzu werden sie das Vermögen der Banken verwenden. Was übrig bleibt, wird unter den Gläubigern verteilt. Der Rest wird sang- und klanglos pleite gehen.

Totalverlust bei FTD

Heute morgen ging eine Meldung zu Kaupthing über den Ticker: Deutsche Kaupthing-Anleger vor Totalverlust. Ich habe kurz geschluckt; meine Freundin wartet ja noch auf ihr Geld. Ursprung der Meldung war eine Financial Times Deutschland Exklusivmeldung, die als Quelle den isländischen Präsident anführt:

Es sei "ungerecht", dass ausländische Anleger erwarteten, dass Island "die ganze Last" der Finanzkrise trage, sagte das Staatsoberhaupt. Das sagte Grimsson im FTD-Interview. Den isländischen Steuerzahlern sei es nicht zu vermitteln, dass sie jetzt auch noch für die Verluste deutscher Sparer aufkommen müssten.
"Ich bin überrascht von den Forderungen unserer Freunde im Ausland", sagte der Präsident. Die weltweite Finanzkrise sei nicht allein eine isländische Angelegenheit, fügte Grimsson hinzu. Verantwortlich für den Bankencrash sei vielmehr das europäische Bankensystem, das dringend reformiert werden müsse, so Grimsson.

Im restlichen Artikel werden die Hintergründe geschildert, die Haltung des Bundesfinanzministeriums und die Insolvenzsituation bei Kaupthing. Nach Aussage des Zwangsverwalters "verfügt Kaupthing bereits über 80 Prozent der erforderlichen 330 Mio. €."

Stop: Wie passt "80 Prozent" zu dem drohenden "Totalverlust" aus der Schlagzeile? Gar nicht. Das ist aber nur der offensichtlichste journalistische Fehlgriff der Meldung.

Wenn man die im Artikel aufgeführten Aussagen des Präsidenten auf der Sachebene interpretiert, stellt man fest, dass der Präsident nirgends sagt, dass die deutschen Sparer leer ausgehen sollen. Dass er etwas "ungerecht" findet, ist sein gutes Recht. Und dass es für Isländer "nicht zu vermitteln" ist, was ihre Banken ihnen da eingebrockt haben, glaube ich gerne.

Ein guter Journalist sollte über das Hintergrundwissen verfügen, dass der Präsident in Island eine repräsentative Funktion inne hat und nicht am Entschädigungsprozess beteiligt ist. Und ist es nicht guter journalistischer Standard, zwei unabhängige Quellen zu haben, bevor man eine Schlagzeile draus kocht?

In der Zwischenzeit hat die FTD eine Korrektur einen weiteren Artikel geschrieben. Jetzt wird der Präsident wie folgt zitiert:

"Was die gewöhnlichen Leute in Island ein wenig schwer zu verstehen finden: Wenn unsere Familien, unsere Eltern, unsere Großeltern, unsere Wohlfahrtsorganisationen und Kirchen und Universitäten und andere viel Geld verloren haben - warum sollten wir dann jeden im Ausland vollständig entschädigen?"
Auch hier steht eigentlich nichts, was inhaltlich falsch ist. Er stellt nur in Frage, ob alle Anleger vollständig entschädigt werden. Wieder kein Wort von Totalverlust. Außerdem ist es sachlich nicht falsch, weil in Island eine Obergrenze von 20.000€ für die Einlagensicherung gilt. Statt sich für den niedrigen journalistischen Standard zu entschuldigen, schieben die Autoren einen selbstgerechten Kommentar nach:
"Nach der "Erfüllung aller internationalen Verantwortlichkeiten", von der Grimsson jetzt spricht, klang das nicht"
Nach Totalverlust aber auch nicht.

Das traurigste an der Geschichte ist, dass diese Meldung unreflektiert in vielen Onlinemedien publiziert wurde. Wie es auch geht, zeigt die FAZ.

Mittwoch, 4. Februar 2009

CAF und die Abwrackprämie

Meine teuerste Wohnung hatte ich während meines Erasmus-Jahres in Frankreich. Für ein kleines Zimmer im Studentenwohnheim habe ich 340€ gezahlt. Zusätzlich war ich verpflichtet, Essen in der Kantine zu kaufen, was noch einmal 160€ waren (morgens, mittags, abends). Mein verfügbares Einkommen waren 550€, blieben also noch 50€ vom damaligen Bafög-Höchstsatz. Am Anfang war ich schwer am schlucken und sehr verwundert. Wieso war mein Wohnheim so teuer?

Ein vergleichbares Wohnheimszimmer an meiner Heimatuni kostet weniger als 200€ und ist damit für das Studentenwerk kostendeckend bzw. sogar gewinnbringend. Die Grundpreise konnten die Unterschiede nicht erklären. Mein französisches Wohnheim war auf dem Campusgelände gebaut. Auch die Ausstattung und Größe der Zimmer oder das Gebäude an sich waren keine Erklärung.

Zur gleichen Zeit war mein ehemaliger Mitbewohner in Frankreich. Er hatte sich eine Studentenwohnung en centre ville genommen. Die Wohnung war sogar noch teurer als meine und kostete 450€ (sie war auch besser). Die Zielgruppe seines Miethauses waren explizit Studenten. Auch hier verstand ich nicht, wie das funktionieren sollte. Wieviele französische Studenten schütteln 450€ einfach so aus dem Ärmel?

Die Antwort war leichter als erwartet. Sie hieß Caisse d'Allocation Famillaire (CAF). Die CAF zahlt jedem Studenten in Frankreich einen Mietzuschuss, unabhängig seiner Herkunft und seiner Vermögensverhältnisse (max. 150€, 40% der Warmmiete). Ich meine, dass ich 120€ erhielt. Wenn man die 120€ von meiner Mieten abzieht, ergibt sich eine akzeptable Miete. 380€ für all inclusive Kost und Logis ist okay, auch wenn einem das Essen schnell zum Hals heraushängt. Und bei meinem ehemaligen Mitbewohner waren 300€ für eine gute Wohnung en centre ville auch nicht schlecht.

Was die Geschichte zeigt, ist, dass Subventionen immer ein Eigenleben entwickeln. Ein französischer Vermieter weiß, dass bei Studenten etwas zu holen ist, weil sie CAF kriegen. Vom CAF nimmt sich der Vermieter seinen Anteil, so dass einfache Studentenwohnungen in Frankreich sehr teuer sind. Weiterhin entsteht durch diese Sozialleistung ein Markt für teure Studentenwohnungen, den es ohne Subvention nicht geben würde.

Was CAF in Frankreich ist, ist bei uns die neue Abwrackprämie. Anscheinend steigen die Neuwagenpreise wieder.

Dienstag, 3. Februar 2009

Gehaltsfragen VI: Entwicklungsmöglichkeiten und Perspektiven

Wer beim größten europäischen Softwarekonzern in Walldorf anfängt, erhält erst einmal eine sehr ausgiebige Produktschulung. Wer sich mit Schulungen schon mal beschäftigt hat, weiß, dass SAP-Schulungen verdammt teuer sind. Und wer schon mal IT-Berater auf einer Jobbörse gesucht hat, sieht, dass jede zweite Stellenbeschreibung "SAP-Berater" lautet. Selbst wenn SAP nicht so gut zahlen würde, wie sie es tun, wäre es ein sehr gutes Investment, dort zwei Jahre zu arbeiten. Denn die Verdienstmöglichkeiten nach diesen zwei Jahren sind sehr gut.

Während es sich bei den bisherigen Faktoren um mehr oder weniger quantifizierbar Beträge handelte, sind Entwicklungsmöglichkeiten und Perspektiven deutlich schwerer einzugrenzen. Gut, eine SAP-Schulung kostet fünfstellig und bringt einen entsprechenden Gehaltsvorteil. Aber was ist es wert, wenn man fokussiert Projekte im Risikomanagement machen kann? Oder wie soll man seine Chancen in einer kleinen, schnell wachsenden Firma mit flachen Hierarchien beurteilen? Was kann man in zwei Jahren verdienen, wenn man diese oder jene Variante wählt? Um ehrlich zu sein, sind das genau die Fragen, mit denen ich mich aktuell beschäftige.

Wenn man Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten in den Vordergrund rückt, besteht das Risiko, dass sich die Entwicklungsmöglichkeiten nicht einstellen und man dann mit wenig Gehalt dasteht. Bei meiner aktuellen Firma habe ich nicht hart gefeilscht, okay ... gar nicht. Mir ging es darum, Erfahrungen zu sammeln und Methodik aufzubauen. Knapp zwei Jahre später muss ich sagen, dass meine Erwartungen nicht erfüllt wurden. Wir machen das gleiche IT-Dienstleistungsgeschäft wie unzählige andere Firmen auch.

Wer sich wegen Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten für eine Firma entscheidet, sollte sich sehr gut informieren und möglichst konkrete Informationen einfordern. Implizite Annahmen sind schädlich. Stattdessen sollte man offen darüber sprechen, was man sich vorstellt und nachhaken.

Zu guter letzt: Entwicklungsmöglichkeiten und Perspektiven schließen eine gute Bezahlung nicht aus.

Montag, 2. Februar 2009

Negative Boni

Ich habe eine Zeitlang bei einem Kumpel zur Untermiete gewohnt. Er arbeitete für einen großen, DAX-notierten Handelskonzern, hatte seinen Job aber gerade gekündigt und war im Umzug begriffen. Und ich war neu in die Stadt gezogen und suchte eine Wohnung. So konnten wir uns die Miete teilen, nachmittags Basketball spielen, abends XBox zocken und Bier trinken; eine Win-Win-Situation.

Eines Tages, er war gerade unterwegs, rief er an und bat mich, die Post durchzuschauen. Ich nannte ihm die Absender, ein Brief war von seiner Firma. Da meinte er, das müsse der Bonusbrief sein und dass ich mal nachgucken soll, was denn rumgekommen sei. Als ich den Umschlag geöffnet hatte und einen Blick auf die Zahl geworfen hatte, musste ich schlucken und sagte ihm, das solle er sich lieber selber anschauen. Er sagte dann nur lachend: "Wieviel Minus ist es denn? fünfstellig?" Ja, es war FÜNFstellig. Euro.

Er nahm das relativ locker. Er wusste, was ich damals nicht gewusst hatte: Die Firma konnte kein Geld von ihm zurückfordern. Das Grundgehalt muss sie immer zahlen. Sie kann den Malus nur dazu verwenden, ihn mit zukünftigen Boni zu verrechnen. In seinem Fall hätte das bedeutet, dass keine Möglichkeit für ihn mehr bestand, je einen Bonus zu beziehen. Gottseidank hatte er schon gekündigt.

Wie war es zum negativen Bonus gekommen? Die Erklärung war einfach und hatte auch nichts mit seiner eigenen Leistung zu tun. Hauptfaktor für den Bonus war die Umsatzentwicklung der Filiale und des Konzerns, typisch für ein Handelsunternehmen. Und die war eben extrem negativ.

Er hat mir in der Zeit, wo wir zusammenwohnten, noch dargelegt, was bei seiner Firma alles nicht stimmt. Einerseits sei die Firma sehr zentralistisch, so dass man vor Ort wenig reißen kann. Andererseits ist ihr Geschäftsmodell für viele ihrer Hauptkunden nicht mehr attraktiv. Er nannte das Beispiel von Restaurants. Früher wären die Restaurantschefs immer selbst zum Einkaufen in die Filiale gefahren. Heute würden sie lieber ein paar Cents drauflegen und sich die Ware ins Restaurant liefern lassen. Zeit ist knapp. So lange man kein Gourmet-Restaurant betreibt, reicht gute Ware. Und für gute Qualität reicht es, sich auf den Lieferanten zu verlassen.

An der Geschichte finde ich ein paar Dinge interessant. Dass ein Unternehmen Briefe verschickt, in denen negative Erfolgsbeteiligungen dieser Größenordnung ausgewiesen werden, ist schon heftig. Man sollte den Bonus lieber streichen, wenn der Erfolgsfall bis auf weiteres nicht erreichbar ist. Die Geschichte belegt auch ein kleines Beratergeheimnis: Die Lösungen für Probleme eines Unternehmens kommen selten von außen, sondern meistens von innen. Aufgabe eines guten Beraters ist es nicht, das Rad neu zu erfinden, sondern die Leute im Betrieb zu finden, die Verbesserungsideen haben. Man bewertet die, schreibt sie zusammen und stellt sie dann der Geschäftsleitung vor. Wenn die Betriebe durchlässigere Hierarchien hätten, wo Ideen und Kritik sich frei entfalten könnten, dann könnten sie sich viele Strategie-Berater sparen.

Tatsächlich wäre vielen Unternehmen mehr geholfen, wenn man die Fähigkeit herstellt, sich selbst zu verbessern. In der Entwicklungshilfe heißt es ja auch "Hilfe zur Selbsthilfe".

Sonntag, 1. Februar 2009

Der Konzernfaktor

Bei vielen Banken werden gerade die Bonusse gestrichen. Von außen ist das erst einmal einsichtig. "Seid doch froh, überhaupt einen Job zu haben", möchte man den Investment Bankern zurufen, die das Geld verzockt haben.

Eine mir bekannte Bank hat die Streichung dadurch erreicht, dass sie den Konzernfaktor auf null gesetzt hat. Der Konzernfaktor wird mit weiteren Faktoren multipliziert, um den Jahresbonus zu bestimmen. Ein Faktor in der Formel auf null bedeutet keinen Bonus.

Problematisch an diesem Vorgehen ist, dass die Bank mit dem Bonus auch eine Ziel- und Leistungsvereinbarung verbindet. Ziel- und Leistungsvereinbarungen sind Abmachungen zwischen Betrieb und Mitarbeiter, die die Motivation und Eigenverantwortung der Mitarbeiter stärken sollen. Es soll für den Mitarbeiter transparent sein, was von ihm erwartet wird und was als gute Leistung gesehen wird. Erreicht er seine Ziele, kriegt er seine Belohnung, präziser, er wird dafür bezahlt. Indem man nun die Zielerfüllung koppelt mit dem Betriebsergebnis, führt man dieses Instrument ad absurdum: Obwohl man die Leistung gebracht hat, wird man dafür nicht bezahlt. Als Mitarbeiter hätte man das gleiche Ergebnis (0€) kriegen können, ohne Leistung zu bringen. Für die schlechten Mitarbeiter ist ein solcher Schritt einfach zu ertragen. Für die guten Mitarbeiter hingegen ist es ein Tritt in den Hintern. Das Beispiel zeigt, welche Nachteile variable Gehaltsbestandteile haben und warum man sie nicht voll ins ideelle Jahresgehalt einfließen lassen sollte.

Die Pointe an der genullten Bonuszahlung ist, dass die Bank in den nächsten Wochen die Ziel- und Leistungsvereinbarungen für das nächste Jahr machen will.

Bewerbung 2.0: Die Vorzüge von Personalberatern

Ein Kollege von mir meinte, dass Personalberater einem letztlich nur die Jobs anbieten, die ohnehin in den Job-Börsen eingetragen sind. Das kann sehr wohl stimmen, aber für einen sozialinkompetenten IT-Berater wie mich haben Personalberater verschiedene Vorteile, die ich hier kurz darlegen möchte:

  • Man muss kein Bewerbungsschreiben erstellen. Damit spart man sich Sätze wie "Ich wollte schon immer für Ihre Firma arbeiten, seitdem ich in der Jungen Karriere diesen tollen Artikel über Sie gelesen habe. ..." Es reicht seine sonstigen Unterlagen zu verschicken.
  • Der Personalberater ist eine Zwischenstelle, die die Unterlagen überprüft.
  • Man wird gebrieft, weiß also, was im Bewerbungsgespräch auf einen zukommt und was man zu sagen hat.
  • Die Gehaltsvorstellungen werden überprüft. Da die Provision sich gemeinhin am Jahresgehalt orientiert, hat ein Personalberater kein Interesse, dass man zu niedrig einsteigt.
  • Die Personalberater müssen auch mit ihrer Zeit haushalten. Sie werden einen nur kontaktieren, wenn das sinnvoll ist.
  • Die Personalberater müssen auch mit der Zeit ihrer Kunden haushalten. Sie werden einen Kandidaten nur vorschlagen, wenn gute Chancen bestehen, dass er genommen wird.