Sonntag, 30. Mai 2010

Linke "Spinnereien" und die Transaktionssteuer

Es gibt linke Ideen, mit denen man sich direkt lächerlich macht. Zwei Beispiele aus dem NRW-Wahlkampf:
  • Die Piratenpartei will den öffentlichen Nahverkehr kostenlos machen.
  • Die Linke will EON und RWE verstaatlichen.
Der historisch informierte Leser wird zucken: Haben wir denn noch/schon Oktober? Nahverkehr für alle war gewiss eine der Parollen, mit denen Lenin nach Russland zurückkehrte. Aber ignorieren wir kurz mal die bedenklichen historischen Parallelen und schauen wir uns die Vorschläge noch mal im Detail an:
  • Der Nahverkehr wird bundesweit primär über Steuern finanziert. Bahntickets, die verkauft werden, decken gerade mal ein Drittel der tatsächlichen Kosten. Studenten in NRW zahlen für ein NRW-weites Ticket übrigens gerade mal 250€ im Jahr. Eine Diskussion findet sich im Wiki der Piratenpartei.
  • Staatseigene Betriebe Kombinate gibt es im Energiesektor zuhauf. Heißen Stadtwerke und versorgen Deutschland mit Strom und Gas. Was es weniger gibt, ist Wettbewerb zwischen den großen Energieversorgern wie EON oder RWE. Die Preise sind weiterhin hoch, die Liberalisierung hat bisher nur die Investoren glücklich gemacht.
Aktuell vertritt die schwarz-gelbe (liberal-konservativ) Regierung eine für viele marktliberale und wirtschaftsorientierte Blogger, Banker, Journalisten oder Manager wahnsinnige Position. Unwissenheit und Ignoranz werden als Treiber gesehen. Sie wird als nutzlos gesehen, weil ihre Erhebung so schwer sei und nationale oder (binnen-)europäische Alleingänge fruchtlos seien. Und sie würde ihre Ziele nicht erreichen, im Gegenteil, riskante Spekulation würde sogar noch angeheizt. Ach ja, und propagiert wurde diese Steuer jahrelang von den Spinnern von Attac, den Gewerkschaften und der Kirche.

Mittwoch, 26. Mai 2010

Goldman an die Scannerkasse!

Man könnte fast meinen, ich wäre ein verärgerter Karstadt-Mitarbeiter, so häufig wie ich über den Laden schreibe. Bin ich nicht. Arcandor und Thomas Middelhoff sind einfach wunderbare Quellen für neue Posts.
  • Middelhoff ist ein Posterboy für das moderne deutsche Topmanagement mit seinen Ansprüchen, seinem Selbstverständnis und seinem Versagen; ein Totengräber der Nation.
  • Arcandor ist ein schönes Beispiel dafür, was die ganzen Management- und Finanzinnovationen anrichten können, wenn man sie auf echte Unternehmen loslässt.
Statt des althergebrachten, etablierten Namens Karstadt-Quelle wollte Middelhoff ein international klingendes, bedeutungsschwangeres Blawort Kunstwort, das Mut, Tatkraft und Zukunftsorientierung signalisiert: Arcandor. Dass sich durch eine Umbenennung der Unternehmensholding keine operativen Probleme lösen lassen, dafür braucht es weder teure Strategie-Berater noch Wirtschaftsprüfer von BDO.

Der Hauptfokus von Middelhoffs Wirken bei Arcandor lag augenscheinlich auf Bilanzfälschung Bilanzoptimierung. Statt (s.o.) am operativen Geschäft zu arbeiten und die tatsächlichen Erträge zu verbessern (langweilig und langwierig), dreht man an der Optik den Zahlen. You can dress up a pig but it’s still a pig.

Sonntag, 23. Mai 2010

Weltmann Middelhoff in Münster

Arcandor bringt mich immer noch regelmäßig zum Lachen. A joke that keeps on giving. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende (und Spesenritter par Excellence) Thomas Middelhoff sitzt seit 2008 im Hochschulrat der Uni Münster. 2008, das war vor der Insolvenz von Arcandor.

Die Uni Münster wird es 2008 als großen Coup empfunden haben, so einen großen Fisch, einen Mann von Welt à la Middelhoff, bekommen zu haben. Ansonsten dominieren im Hochschulrat doch sehr die Wissenschaftler. Middelhoff hat sogar echten Bezug zur Uni; er hat in Münster studiert. Als Vorsitzender eines deutschen Konzerns war er zudem gesegnet mit besten Kontakten, sprich Geld. What a catch. Anders als in Oxford musste seine Firma für seinen Posten wohl kein Schmiergeld keine Spende zahlen. Welche High Potentials studieren schon in Westphalen?

2009, nach der Arcandor Insolvenz, hätte den Verantwortlichen der Uni Münster auffallen können, dass ihr Griff doch kein so großer Coup war. Middelhoffs Ruf hat etwas gelitten und es gab auch Kritik. Aber wie in Oxford, wo er Vorlesungen über seine Arcandor Erfahrung hält, ist er auch in Münster im Hochschulrat geblieben. Und weil im Hochschulrat Finanzwissen eher spärlich gesät ist, war es fast zwangsläufig, dass Middelhoff die Prüfung der Finanzen übernimmt. Gut aussehen tut das nicht, liebe Münsteraner.

Mich würde es nicht wundern, wenn die Uni bald ihre Gebäude in eine irische Zweckgesellschaft ausgliedert, um 2011 die Newest RE AG (New Westphalia Real Estate AG) an die Börse zu bringen. Stichwort Sale-and-Leaseback. Hat ja bei Arcandor so großartig geklappt.

Freitag, 21. Mai 2010

Bananensoftware und Finanzmarktgesetzgebung

Im Softwarebereich haben einige International Bekannte Mächtige Großkonzerne den Ruf weg, Bananensoftware zu liefern. Das Motto heißt: Reift beim Kunden. Man verkauft dem Kunden Software, die keine Marktreife hat und liefert diese dann zu früh aus. Probleme werden als Änderungen (Changes) im laufenden Betrieb zu erhöhten Kosten abgewickelt.

Bananensoftware ist zuallererst eine Vertriebsstrategie. Viele Kunden, insbesondere Manager, haben falsche Vorstellungen davon, wie teuer Software wirklich ist, und wollen bzw. müssen angelogen werden, um die Software zu verkaufen. Man nennt ihnen also einen Preis, für den man liefern kann und der zu ihren Vorstellungen (und Spezifikationen) passt. Nachdem dann die Software gemäß Spezifikation geliefert und produktiv genommen wurde, stellen alle Beteiligten fest, dass Kernfunktionalität in der Spezifikation vergessen wurde. Ach, sie brauchen in ihrem Frontofficesystem einen Audittrail? Die Änderungen lässt sich der Lieferant dann ordentlich bezahlen. Er ist nach Erstlieferung in der vorteilhaften Position, dass ihn der Kunde nicht einfach ersetzen kann und wenn dann nur mit hohen Kosten (vendor lock-in). Sobald die Software produktiv ist, bekommen Probleme auch die höchste Priorität

Teilweise spielt sogar der Kunde intern dieses Spielchen. Abteilung X möchte neue Software haben. Die Software kostet 5 Mio €. Budget ist nur für die Hälfte da. Also fängt mit mit 3 Mio € an. Wenn dann das Budget weg ist, holt man sich einen Nachschlag von 1,5 Mio €. Wir haben wichtige Features übersehen. Und dann noch 1 Mio € zum Abschluss.

Dienstag, 11. Mai 2010

Robocup am Finanzmarkt

Algo Trading (automatisierter Handel von Aktien durch Programme) hat dieser Tage einen schlechten Ruf bekommen. Kritiker argumentieren, dass der plötzliche Kurzsturz von letzter Woche auf Algo Trading zurückzuführen sei. Insbesondere High Frequency Trading (Algo Trading im Millisekundenbereich) wird als Verursacher betrachtet. High Frequency Trading sei Betrug, moderne Wegelagerei am Finanzmarkt.

Trotzdem fasziniert mich als Informatiker Algo Trading im Allgemeinen und High Frequency Trading im Speziellen unheimlich. Man schreibt Programme, die unabhängig am Finanzmarkt agieren nach einer zuvor konzipierten Strategie. Man kann sich richtig austoben und allen möglichen Schnickschnack ausprobieren, so lange es Resultate liefert (genetische Algorithmen, Datamining, neuronale Netze, ...). Man hat heftigste Performanzanforderungen und optimiert deshalb um jede Millisekunde. Sogar die Länge der LAN-Kabel wird berücksichtigt, weshalb die Rechner möglichst nah am Börsenserver platziert werden. Und gut bezahlt wird man für diesen Spaß auch noch. Hey, Durchschnittsnerds programmieren Robocup. Als Hobby. Für lau.


Samstag, 8. Mai 2010

Meine maximale Projektdauer

Wie lang sollte ein Projekt dauern? Die Antwort auf die Frage ist einfach, wenn es sich um ein mieses Projekt handelt: Holt mich hier raus! Am besten gestern. Und mit Glück hat der Chef drei Monate später ein Einsehen. Oder er verweist auf die strategische Bedeutung des Kunden, Projektzwänge und die Auftragslage und man hängt hoch motiviert noch ein paar Monate hinten dran.

Aber wie lang sollte ein gutes Projekt dauern? Spannende Aufgaben, nettes Team, Respekt vom Kunden, viel gelernt? Für mich maximal zwölf Monate. Danach zieht es diesen IT-Gesellen wieder hinaus auf Wanderschaft.

Vorab: Ich bin IT-Berater und IT-Projekte dauern automatisch länger als andere Beratungsprojekte. Unter einem halben Jahr macht es selten Sinn. Man braucht viel Zeit (mehr als ein Monat), um überhaupt ins Projekt reinzukommen. Wie sieht die IT-Landschaft des Kunden aus? Welche Technologien werden eingesetzt? Welche Dokumentationsrichtlinien gelten? Wer sind die Ansprechpartner? ... Und wer selbst noch Hand an Quelltext anlegt, statt Captain Powerpoint zu spielen, kommt nicht umhin, viele Tage dem Studium fremden Quellcodes zu widmen.

Donnerstag, 6. Mai 2010

Der verhängnisvolle FX Forward der kfw

Der Artikel der Süddeutschen von Montag hat noch einmal ein paar Details zur verhängnisvollen Transaktion der kfw am 15. September 2008 genannt. Das Geschäft war wohl ein FX Forward, ein OTC Geschäft, zwischen Lehman und der kfw, abgeschlossen am 10. Juli 2008 mit zwei Monats-Fälligkeit (2M) und Physical Settlement.

Wer sich jetzt wundert, wie der 10. Juli und zwei Monate zu einer Überweisung am 15. September führen, sei auf die obskuren Usancen im FX-Markt verwiesen. Gezählt wurde erst ab dem 11. Juli (Spot Date), zwei Monate drauf macht 11.09. (Expiry Date), geliefert wird aber erst zwei Tage nach Ablauf (Delivery Date 13.09.08). Und weil der 13.09. ein Samstag war, verschob sich die Überweisung auf den folgenden Montag (Delivery Date 15.09.08). Das Ganze als Grafik dargestellt:


Solche Unsinn Usancen sind ein echter Stolperstein für diejenigen, die eine ICMA-Zertifizierung anstreben. Noch lustiger wird es dann, wenn man sich mit Day Count Conventions für Zinsen beschäftigt.

Dienstag, 4. Mai 2010

40 Stunden auf die Blogroll

Mit zehn Lesern ist der tägliche Blick auf google Analytics bedingt Euphorie-induzierend. Lustig wird es höchstens, wenn man einen Post zur WestLB schreibt und am nächsten Tag dann 15 Besucher über HP als Service Provider reinkommen.

Heute hatte ich dann aber einen weiteren Grund zur Freude. Ich bin jetzt auf zwei Blogrolls! Und das bei Blogs, die ich selber gerne lese:

Die kfw-Lehman-Zeitachse

Im Zuge der Lehman-Pleite verlor die kfw 320 Mio €. Sie hatte ihren Teil eines Devisentermingeschäfts erfüllt, als Lehman schon pleite war. Immerhin gelang es dem Staat, durch Verrechnung der 320 Mio € mit offenen Forderung von Lehman gegen das deutsche Finanzamt die Summe auf 100 Mio € zu senken.

Einige aufgebrachte Bürger stellten Strafanzeige. Die kfw gehört schließlich dem Bund, also uns Bürgern. Gestern berichtete die Süddeutsche nun, die Staatsanwaltschaft beabsichtige die Strafverfahren einzustellen. Seitens der Staatsanwaltschaft gibt es mittlerweile ein Dementi. Ende Mai werde frühestens entschieden. Ich gehe aber davon aus, dass eingestellt wird. Das Strafrecht ist in solchen Fragen ein zahnloser Tiger: Es bedarf des Vorsatzes. Was Dummheit, Faulheit und Unfähigkeit eben nicht darstellen.

Spannender ist daher die zivilrechtliche Klärung der Sachlage. Die kfw hatte ihren beiden fürs Risikomanagement verantwortlichen Managern fristlos gekündigt. Die haben dann auf Wiedereinstellung geklagt. Bisher sieht es für die (Ex?-) Vorstände gut aus. Was mich wundert.

Für die Anwälte der kfw habe ich daher meine Consultant Skills eingesetzt, um den Vorgang anschaulich per Zeitachse zu visualisieren. Kunden Richter sind halt doof. Mit Visio, dem Powerpoint für IT-Berater ;) Zur Dokumentation des öffentlichen Informationsstandes habe ich relevante Schlagzeilen aufgeführt. Die zugehörigen Links finden sich unten. Die Überweisung wurde übrigens am 15.09.08 ausgeführt. Enjoy.



Sonntag, 2. Mai 2010

Prozesslösungen für den Finanzmarkt reichen nicht

Momentan werden viele Ideen gefloatet, was zu tun ist, um das Entstehen einer weiteren Banken-Blase zu verhindern: eine neue Bankenabgabe, eine Transaktionssteuer, eine Bonussteuer, schärfere Regulierung oder mehr Eigenkapital. Den Blick nach Griechenland oder auf den Markt für amerikanische Gewerbeimmobilien gerichtet, muss ich sagen: Wahrscheinlich ist es dafür bereits zu spät.

Mehr Eigenkapital, weniger Derivate, oder höhere Abgaben, das sind alles gute Ideen, die ich unterstütze. Sie haben nur den Nachteil, dass es sich um Prozesslösungen handelt: Wie verändere ich den Finanzmarktprozess, so dass die kritischen Auswüchse ausbleiben. Die Ursachen für die Auswüchse werden durch eine Prozesslösung nicht adressiert. Es ist zu erwarten, dass die Finanzmarkt-Akteure auf Prozessänderungen reagieren, indem sie neue Schlupflöcher suchen und finden. Ihre Ziele bleiben ja unverändert: schnell viel Geld zu verdienen. Scheiß aufs Risiko und die langfristigen Folgen für die Allgemeinheit.

Zudem sind es zumeist Vorschläge, die innerhalb des Finanzsektors denken. Sie verwenden die Mittel des Finanzsektors (Eigenkapital, "Produkte", Regulierung, ...), um Probleme zu lösen, die der Finanzsektor zwar zu verantworten hat, deren Auswirkungen aber deutlich über den Finanzsektor hinausgehen. Indem man nur innerhalb des Finanzsektors denkt, schränkt man seinen Lösungsraum gravierend ein. Hat man einen Hammer, ist jedes Problem ein Nagel.