Mittwoch, 25. März 2009

Lehman Zertifikate I und II

Gestern begann vor dem Hamburger Landgericht das erste Lehman Verfahren. Geklagt hat ein Kunde der Hamburger Sparkasse (Haspa), der 2006 Lehman-Zertifikate erworben hat. Er argumentiert, dass ein Beratungsfehler vorliegt, weil die Bank ihn nicht über ihre Eigeninteressen informiert hat. Die Haspa hatte ihm Lehman-Zertifikate aus ihrem Eigenbesitz verkauft, auf die sie eine sehr hohe Marge draufgeschlagen hatte (schätzungsweise größer fünf Prozent). Eine gütliche Einigung scheiterte. Die FTD schreibt, dass Anleger "einen langen Atem" brauchen.

Komischerweise ging es bei anderen Kunden der Haspa ganz schnell. Insgesamt 1000 von 4000 Kunden wurden zwischen 10-100% entschädigt. Rein freiwillig, selbstverständlich ohne Schuldeingeständnis. Auch die Fraspa hat einige ihrer Kunden entschädigt. Die Süddeutsche nennt diesen Vorgang "überraschend".

Ganz so überraschend ist es dann doch nicht. Einerseits leben Sparkassen davon, die netteren Banken zu sein. Die Reputationsschäden für Haspa und Fraspa sind immens, wenn klar wird, dass die Berater dort auch nur auf die Provision schielen. Anderseits ist der Zeitpunkt der Beratung von entscheidender Bedeutung: vor oder nach der Bankenkrise.

Schon vor der Bankenkrise waren Zertifikate Schrott, an dem sich die Banken eine goldene Nase verdient haben. Inwiefern das für einen Beratungsfehler reicht, kann ich nicht einschätzen. Durch die Bankenkrise hingegen hat sich viel geändert. Das Kreditrisiko der Banken stieg. Es war auf einmal denkbar, dass eine Bank pleite gehen kann. Das wussten die Banken, denn sie hörten damit auf, sich gegenseitig Geld zu leihen.

Für eine Bank wie Lehman war das eine Katastrophe, da sie auf Geld von außen angewiesen war.
Lehman begann viele Zertifikate zu emittieren, um sich zu finanzieren. Diese Zertifikate waren mit sehr hohen Vertriebsprovisionen verbunden, da Lehman das Geld dringend brauchte. Sie wurden an dumme Kunden vertrieben, alte Leute, die ganz sicher nicht verstanden, was die Bankenkrise ist und was Emittentenrisiko darstellt. Aus "ich möchte eine sichere Geldanlage" (z.B. Tages- bzw. Festgeld, das 2007 bereits sehr ordentlich verzinst wurde) wurden sie zu Lehman-Zertifikaten überredet, wo ihr angelegtes Geld auf alle Fälle sicher sei.

Ich denke, dass diese Fälle sehr viel bessere Chancen vor Gericht haben, da der Kundenwunsch nach einer sicheren Anlage nicht berücksichtigt wurde. Zusätzlich ist es so, dass parallel zur Bankenkrise MiFiD gültig wurde, eine EU-Richtlinie zur Kundenberatung. Neben Dokumentationsrichtlinien und Vorgaben für die Ausführung von Geschäften schreibt MiFiD insbesondere vor, dass Kunden über kick-backs (Provisionen) zu informieren sind.

Montag, 16. März 2009

Checkliste für den reisenden Berater

Eine Kollegin aus meiner Firma und aus dem Studium wird demnächst ihre erste Dienstreise machen. Sie fragte mich, welche Vorbereitungen sie treffen muss. Hier die kurze Liste:

  1. Firmenkreditkarte beantragen zur Abwicklung der Rechnungen. Normalerweise erhält man ein sehr großzügiges Zahlungsziel, so dass man kein Geld vorstrecken muss.
  2. Login für das Firmenkundenportal der Bahn beantragen. (Geht nur, wenn die Firma bei der Bahn registriert ist und Großkunde ist).
  3. Bahncard 50 beantragen und für das Bonusprogramm der Bahn anmelden.
  4. Vielfliegerprogramm bei Lufthansa und Air Berlin beantragen.
  5. Nur Hotels mit Bonusprogramm buchen. Dem jeweiligen Bonusprogramm beitreten.
Zu 5): Bevor man sich sklavisch an ein Hotel bindet, sollte man sich das Angebot anschauen. Man sollte das Hotel mögen, in dem man mehrere Monate übernachtet.

Sonntag, 15. März 2009

Links des Abends: TV & Comics

Kurz vorm Schlafengehen noch ein paar lustige Links:

  • Wer Comics mag, kann bei vertigo interessante Alben runterladen. Fables ist die Serie, die ich gerade lese. An dieser Stelle einen großen Dank an meine lokale Bibliothek, die in Comic-Dingen sehr gut sortiert ist.
  • Als vermeintlicher Comic-Kenner empfand ich es schon lange als Bildungslücke, Watchmen nicht gelesen zu haben. Als ich neulich durch einen Comicladen gestöbert habe, wollte ich nicht mit leeren Händen rausgehen und habe mir deswegen das Comic gekauft. Ich bin ziemlich enttäuscht.
  • Wer amerikanische Serien mag, sollte sich vids.tv anschauen.
  • Stichwort amerikanische Serien: Battlestar Galactica nähert sich dem Ende. Die Spoiler geben noch nicht so viel her. :/
  • Für Derren Brown Fans: The Mentalist ist ganz ähnlich aufgebaut und läuft jetzt auch in Deutschland.
  • Ich habe vor langen Jahren aufgehört ER zu gucken. ER in den jungen Jahren war eine Hammerserie. Ich war süchtig. Nur waren dann irgendwann alle Originalschauspieler weg und meine Bindung zur Sendung ebenfalls. Jetzt läuft die letzte Staffel und, tarrah, die alte Garde tritt noch einmal an.

Donnerstag, 12. März 2009

Vertrauen als boole'sche Variable

Eine Woche nach der 1,30€ Kassiererin gab es den zweiten Fall, in dem ein Arbeitgeber Mitarbeitern wegen "Diebstahls" fristlos gekündigt hat. Es handelte sich um zwei Bäcker, die sich eigene Brötchen mit Belag der Firma bestrichen hatten (Kräuter-Olivencreme). Anders als bei der Kassiererin wurde dieser Fall für die Arbeitnehmer entschieden. Eine Kündigung wurde wegen eines Formfehlers als nichtig betrachtet. Wer Betriebsräte kündigen möchte, sollte sich vorher über die Formalien informieren. Die andere Kündigung wurde ebenfalls aufgehoben, da die für die Kündigung notwendige Prüfung des Arbeitgebers unzureichend dar. Der Mitarbeiter war seit über zwanzig Jahren im Betrieb. Die Frage wurde nicht geklärt, ob ein Bagatelldiebstahl hinreichend für eine firstlose Kündigung ist.

Die Fall der Bäcker ist für mich in vielerlei Hinsicht anders gelagert als der der Kassiererin:

  • Brotbelag hat höchstens einen imaginären Wert. Es bleibt ohnehin etwas übrig, was denn weggeschmissen wird. Dem Arbeitgeber entsteht selbst bei regelmäßiger Wiederholung kein messbarer wirtschaftlicher Schaden.
  • Pfandbons haben einen realen Wert. Dem Arbeitgeber entsteht Schaden, da die Kunden beklaut werden. Es ist davon auszugehen, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt. Das Vertrauen in die Ehrlichkeit des Kassierers ist dahin.

Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob sich nicht doch ein Arbeitsgericht findet, das auch aus dem Schmieren von Stullen mit Arbeitgeber-Brotbelag einen schweren Vertrauensverlust ableitet. Vertrauen als boole'sche Variable. Kleinste Fehltritte sind gleichzusetzen mit schwersten und damit hinreichend für die fristlose Kündigung. Platz für Grautöne oder für Differenzierung bleibt nicht. Wenn man diese Ansprüche auf alle Arbeitsverhältnisse anwenden würde, könnte man die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung fristlos kündigen. Wer hat nicht schon mal einen Kugelstift oder Tesafilm aus der Firma mitgenommen?

Am traurigsten an dieser Geschichte finde ich, dass es prinzipiell die unteren Chargen trifft. Niemand beschwert sich (oder prüft nach), wenn ein Berater eine falsche Spesenabrechnung abgibt und privat mit dem Diensthandy telefoniert. Keiner kommt auf die Idee, die Kugelschreiber im Rollcontainer nachzuzählen. Ab einer gewissen Position ist dieses Verhalten sogar vom Arbeitgeber sanktioniert. Ich darf in meiner Firma privat telefonieren und privat drucken. Und weil ich ja auch viel außer Haus arbeite, darf ich auch Arbeitsgeräte mitnehmen. Im Falle der Berliner Kassiererin kann ich mir gut vorstellen, dass derselbe Chef, der ihr fristlos gekündigt hat, seine Sekretärin anhält, Einladungen für seine private Gartenparty zu verschicken. "Ich komm ja sonst nicht dazu."

Dienstag, 10. März 2009

I Create Nothing. I Own.

Letzte Woche habe ich mit Kollegen "The International" gesehen. Plot nach moviepilot.de: "[E]r thematisiert das Verbrechen von Bankern, die global agieren und über Leichen gehen." 

Wer vom Film erwartet, Einblick in die Finanzkrise zu bekommen, wird enttäuscht. Die Verbrechen der Banker beziehen sich nicht auf Insidergeschäfte, Hypothekenbetrug, Schnellballsysteme oder dem Zusammenbrauen von exotischen/toxischen "Finanzprodukten". Stattdessen geht es um handfeste Verbrechen wie Mord und Waffenhandel. Vorbild für den Film ist die Bank of Credit and Commerce International (BCCI). Die BCCI fungierte als Hausbank von Manuel Noriega und der CIA.

Aus filmischer Sicht kann ich die Entscheidung des Regisseurs gut verstehen: Mord und Waffenhandel bieten ein höheres Action/Thriller-Potential als White Collar Crimes. Ich empfinde es dennoch als vertane Chance, nicht auf die aktuelle Situation eingegangen zu sein. Eine weitere vertane Chance: Clive Owen schläft nicht mit Naomi Watts.

Dass es anders geht, zeigt mein Lieblingswirtschaftsfilm Wall Street. Zwei Filmzitate aus einer langen Liste sehr wahrer Aussagen des Films:

"Stop going for the easy buck and start producing something with your life. Create, instead of living off the buying and selling of others." [C. Fox]
"The richest one percent of this country owns half our country's wealth, five trillion dollars. One third of that comes from hard work, two thirds comes from inheritance, interest on interest accumulating to widows and idiot sons and what I do, stock and real estate speculation. It's bullshit. You got ninety percent of the American public out there with little or no net worth. I create nothing. I own." [G. Gekko]
Deshalb: Bevor Ihr The International im Kino guckt, Wall Street auf DVD holen.

Montag, 9. März 2009

Links des Tages: Drogen

[Updated] Ein paar Links zum Thema Drogen anlässlich der anstehenden UN Drogen Konferenz:

Spaziergang durch Frankfurt

Um sich die Probleme des Bankensektors vor Augen zu führen, reicht es, nach Frankfurt zu fahren. Macht einen kleinen Spaziergang durch die Innenstadt, durchs Westend und am Main entlang und saugt das Geld in Euch ein, dass dort immer noch ist.

Eventuell steht Ihr dann auf dem Eisernen Steg und habt einen schönen Blick auf die Skyline nach Norden und das Museumsufer nach Süden. Jetzt stellt Euch die Frage, woher das ganze Geld kommt? Antwort: Aus Eurem Geldbeutel. Dafür dass Banken auf dem Papier sehr generische Dienstleistungen anbieten, bleibt ziemlich viel bei ihnen hängen.

Freitag, 6. März 2009

100 Mrd., 1,30€ und Raucherpausen

Georg Funke bemüht gegenwärtig seine Rechtsanwälte, um klären zu lassen, ob er noch bei der Hypo Real Estate angestellt ist oder nicht. Es geht um Gehaltszahlungen im Millionenbereich und um hohe Pensionsansprüche. Die Hypo Real Estate hatte 2007 unter Funkes Führung die folgenschwere Entscheidung getroffen, die Depfa zu übernehmen. Mittlerweile musste der Staat 100 Mrd. € Garantien gewähren, um einen Zusammenbruch des Instituts zu verhindern. Das entspricht einem Viertel der Bilanzsumme der Bank. Sie hat 2008 bis September einen Verlust von 3 Mrd Euro gemacht (s. Geschäftsbericht 2008 unter Financial Highlights). Die Geschäftszahlen fürs laufende Geschäftsjahr dürften nicht besser ausfallen.

Man sieht, die Bilanz des Vorstands unter Funke ist vernichtend. An seine Ehre möchte ich hier auch nicht appellieren; Geld ist Geld. Problematisch finde ich, dass sein klar belegtes und gravierendes Versagen nicht dazu ausreicht, eine rechtlich einwandfreie fristlose Kündigung hinzukriegen.

Kassierer fliegen für 1,30€ in Pfandbons. Gärtner für Raucherpausen, die sie nicht über die Stechuhr erfassen. Dort sind die Fälle rechtlich eindeutig. Kassierer müssen unbedingte Zuverlässigkeit und absolute Korrektheit zeigen. Pausen als Arbeitszeit zu buchen ist Arbeitszeitbetrug. Von Verhältnismäßigkeit des Arbeitsrechts kann man nicht sprechen.

Mittwoch, 4. März 2009

Links des Tages

Zwei interessante Links, die ich heute Abend gefunden habe:
  1. Harvard pleite? Ein paar Worte zur Finanzierung amerikanischer Hochschulen und die Auswirkungen der Finanzkrise.
  2. Frozen Assets. Ein netter Artikel in der Vanity Fair über Island.

Montag, 2. März 2009

Managementmagie

Mein Projektleiter vom Kunden erzählte neulich eine Anekdote über seinen scheidenden CIO (= Chief Information Officer). Der Mensch sei top gewesen. An was der sich alles hatte erinnern können. In einem Gespräch hätte sich sein CIO an Aussagen von ihm von vor zwei Jahren erinnert.

Zwischen dem CIO und meinem Projektleiter liegen drei Hierarchieebenen. Folglich hat der CIO im Verlauf von zwei Jahren viele Gespräche mit Projektleitern geführt. Wie konnte er sich nur an dieses eine Gespräch erinnern?

Mein Vater hat mir einmal eine ähnliche Situation geschildert. Ein neuer Chef kommt in eine Firma. Er macht einen Rundgang und lässt sich von jedem Mitarbeiter dessen aktuellen Aufgaben erklären. Bei einen simplen Durchsicht der Vorgänge findet er einen Riesenbock, den einer der Mitarbeiter geschossen hat. Der Fehler war nicht einfach zu finden. Die Mitarbeiter sind überrascht und von der Kompetenz ihres neuen Chefs überzeugt. Der hat ja was drauf...

Beide Situationen kann man als Zaubertricks verstehen: Ein Manager vollbringt etwas, wofür wir ad hoc keine Erklärung haben. Deshalb leiten wir uns eine Erklärung her, meistens die hohe Kompetenz des Managers. Was uns fehlt sind Informationen zum Kontext.

Zur Situation mit dem CIO. Die Hauptaufgabe eines CIOs ist es, Gespräche zu führen und informierte Entscheidungen zu treffen. Gesprächsnotizen zu erstellen und Informationen abzulegen gehört daher zum Geschäft. Indem er seine Notizen durchgeht, ist er optimal vorbereitet und kann sich ohne weiteres auch an Aussagen von vor zwei Jahren erinnern.

Jetzt geht es mir so, dass ich Protokolle schreiben und Informationen ablegen ziemlich öde finde. Mir würde es sehr schwer fallen, jede Besprechung zu protokollieren und abzulegen. Ein Top-Manager hingegen kann auf die freundliche Unterstützung seiner Sekretärin bzw. seines Assistenten bauen.

Zur Situation mit dem neuen Chef. Der neue Chef hatte das Ziel, seine Mitarbeiter schnell von seiner Kompetenz zu überzeugen. Deswegen hat er sich minutiös vorbereitet, bevor er den Rundgang macht. Er ist die Vorgänge seiner Mitarbeiter in einer Nachtschicht durchgegangen, hat sich in die Materie eingearbeitet und hat aktiv nach einem Fehler gesucht. Als er den Rundgang macht, steckt er also bereits im Thema drin und es ist kein Zufall, dass er den Fehler findet.