Sonntag, 4. Januar 2009

Ein geteiltes Heim dank Desk-Sharing

In meiner Niederlassung wurde wohl Desk-Sharing eingeführt. Ich war nicht dabei und weiß auch nicht, wohin meine Sachen geräumt worden sind. An sich bin ich auch nicht direkt betroffen: Ich tippe, dass ich weniger als 2 Wochen im Jahr überhaupt in der Niederlassung bin. Was auch gerade ein Grund ist, warum man Desk-Sharing eingeführt hat. Aber kurz einmal von vorne.

Hinter Desk-Sharing steht die Beobachtung, dass zu einem beliebigen Zeitpunkt nie alle Mitarbeiter im Büro sind. Manche sind krank oder im Urlaub. Andere beim Kunden oder auf Schulung. Dementsprechend halten viele Firmen Raum vor, der nicht zur Wertschöpfung beiträgt. Gerade bei Beratungsunternehmen, wo viele Kollegen beim Kunden arbeiten, ist das Verhältnis zwischen vorgehaltenen Arbeitsplätzen und anwesenden Kollegen schlecht. Der Business Case ist daher einfach.

In meiner Firma stellte sich das Problem, dass unsere lokalen Räumlichkeiten bald nicht mehr gereicht hätten und man zusätzliche Räume hätte anmieten müssen. Deswegen kam die Entscheidung für Desk-Sharing. Rational konnte ich die Entscheidung komplett nachvollziehen.

Trotzdem halte ich sie für ein Beispiel von Berater-Schlaumeierei: Sachen, die auf dem Papier und mit den Zahlen toll aussehen, in der Realität aber gar nicht so cool kommen. Ein Beispiel von Berater-Schlaumeierei (so gehört von einem Kollegen): Eine große Strategieberatung empfahl einst einem deutschen Energieversorger, der über einen großen Immobilienverstand verfügte, die Anzahl der Hausmeister zu reduzieren. Man hatte nämlich festgestellt, dass die Hausmeister eine inoffizielle Frühstückspause von 15 Minuten machten. Umgelegt auf alle Hausmeister ergaben sich einige Mitarbeiteräquivalente (heißt wirklich so, auch Vollzeitäquivalent oder FTE), die abgebaut wurden. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Fahrtzeiten zwischen den einzelnen Immobilien deutlich stiegen und der Kostenvorteil keiner war.

Beim Desk-Sharing muss man bedenken, dass morgens erst einmal der eigene Arbeitsplatz auf- und abends derselbige wieder abgebaut werden muss. Wenn man gerade an einer Sache arbeitet, kann man seine Unterlagen nicht liegen lassen, sondern muss abends alles wieder einsammeln und aufräumen (Clean Desk Policy). Sich an seinem Arbeitsplatz zu Hause zu fühlen wird dadurch auch schwieriger: Wer hat schon Lust, jeden Morgen oder jede Woche sein Calvin & Hobbes Poster aufs Neue aufzuhängen?

Natürlich gibt es verschiedene Möglichkeiten, Desk-Sharing zu optimieren, insbesondere indem man die Arbeitnehmer kompensiert für den symbolischen Verlust ihres Arbeitsplatzes. Bei einem Kollegen hat man die Kostenersparnis durch Desk-Sharing dazu verwendet, ein luxeriöses Büro in bester Innenstadtlage in einer deutschen Großstadt zu beziehen. In meinem Fall hingegen sehe ich eigentlich keinen direkten Gewinn. Stattdessen ist die Einführung nur ein weiterer Beleg dafür, dass ich bis auf weiteres nicht mehr in der Niederlassung arbeiten soll. Das größte Risiko in der Einführung sehe ich darin, dass meine Firma die Bindung ihrer Mitarbeiter an die Firma durch diesen Schritt schwächt. Wenn ich ohnehin nur beim Kunden einen Arbeitsplatz habe, welchen Unterschied macht es dann, ob ich für meine Firma, den Kunden oder eine andere Firma arbeite?

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