Freitag, 9. Januar 2009

Handyroulette, Trolleysprint und Optimierungsprobleme

Ich bekomme von meiner Firma die Reisezeiten bezahlt. Weiterhin ist es so, dass ich die explizite Anforderung meines Chefs habe, Bahn zu fahren statt zu fliegen, da die Kostenunterschiede dramatisch sind (300-400€ pro Woche) und der Zeitvorteil gering (zwei Stunden, wenn alles gut geht, aber auch Flieger haben viele Verspätungen). In jedem Fall habe ich jetzt häufig die Situation, dass die Bahn für mich arbeitet. Z.B. gestern und heute.

Kurzer Background: Ich fahre mit einem Regionalexpress von A nach B, wo ich in einen ICE/IC umsteige. Der fährt manchmal direkt nach D durch oder ich muss in C wieder in einen Regionalexpress umsteigen. Auf der Rückfahrt muss ich meistens zweimal umsteigen. Wer viel Bahn fährt, weiß, dass Umsteigen "gefährlich" ist. Zur besseren Veranschaulichung habe ich das hier einmal aufgemalt (E und F -> s.u.).

Gestern Abend bin ich in D vom Kunden los. Ich hatte die vorletzte Bahn genommen, mit der ich am Donnerstag nach Hause komme. Und ja, ich wäre knapp nach Mitternacht zu Hause gewesen. Die Bahn war in D schon zwanzig Minuten zu spät abgefahren, als dann knapp vor C noch der Oberleitungsschaden kam. Der brachte weitere 1.15h. Damit verpasste ich meinen Anschluss in C und hatte noch genau eine Option nach Hause zu kommen. Dann wäre ich aber im besten Fall um 1.15h, realistischer nach 2h zu Hause gewesen. Und dazu hatte ich einfach keine Lust.

Ich hätte jetzt einfach ins nächstbeste Hotel gehen können. Glücklicherweise kenne ich ohnehin sehr viele Leute in C, so dass ich erfolgreich Handyroulette gespielt habe: Ich habe meine Bekannten und Freunde in zufälliger Reihenfolge abtelefoniert, bis einer ranging; danke noch mal für die Bleibe und das Bier. Statt einer Hotelrechnung habe ich also eine Privatübernachtung, die ich einreiche und in ein Gastgeschenk* tauschen werde.

Meine Bilanz für Donnerstag: 2,5h Reisezeit und eine Privatübernachtung.

Heute morgen habe ich bei meinen Freunden einen Kaffee gestürzt, bin dann völlig überhastet aufgebrochen und habe einen Trolleysprint hingelegt, um meine U-Bahn zu erwischen. Der klassische Trolleysprint besteht aus Laptoptasche, Trolley, Anzug mit Krawatte und Ledersohlenschuhen. Ich war etwas laxer unterwegs: Sakko, Trolley und Laptoptasche.

Als ich dann am Hauptbahnhof ankam, stellt sich heraus, dass die Bahn gleich weitermacht, wo sie gestern aufgehört hatte: nämlich mit einer Verspätung. Mein Zug war wegen eines Wagenschadens erst fünf, dann zehn, dann zwanzig Minuten verspätet. Damit war es wieder so, dass der Anschluss in B knapp wurde. Außerdem weiß ich, dass Verspätungen zwischen B und C selbstverstärkend sind. Züge haben Slots auf Gleisabschnitten und zwischen B und C sind diese sehr eng getaktet. Fällt ein Zug wegen einer Verspätung aus seinem Slot, kommt es zu Kollisionen mit anderen Zügen, die eigentlich immer zu weiteren Verspätungen führen.

Ein weiteres Problem, das sich stellt, waren die unzureichenden Informationen, die mir zur Verfügung standen. Die Aussage, dass ein Zug 20 bis 25 Minuten Verspätung hat, bedeutet gemeinhin nur, dass der Zug nicht früher als 25 Minuten da ist. Es kann dann durchaus passieren, dass es einfach so weiter geht: 30, 40, 50, ... Bahnverspätungen sind analog zu sehen zu "Mañana" in Spanisch oder "Inshallah" im Arabischen.

Ich habe mir also eine Alternativverbindung rausgesucht. Mit der war ich im besten Fall zwar 30 Minuten langsamer und musste noch ein zusätzliches Mal in E umsteigen. Immerhin war es ein ICE. Außerdem stand der Zug direkt vor mir und es war warm drinnen. Für mich war das eine Stop-Loss-Order: Mit den mir zur Verfügung stehenden, ungenügenden Informationen war es die beste Entscheidung in den Zug zu springen.

In E habe ich den nächsten ICE gekriegt. Dabei stellte sich heraus, dass die Bahn falsche Verbindungsdaten ausweist. Tatsächlich kann man auf dieser Strecke in B noch den gleichen Zug nach A erwischen, obwohl ich in C später losfahre und in E umsteigen muss. Es wird nur eben nicht als Verbindung im System ausgewiesen. Verstehe das, wer will. Bzw.: Das Bahnnetz ist halt kein ganz triviales Optimierungsproblem. Man hat einen Graphen, Flüsse und irre Kunden.

Im Zug von E nach B stellte sich als weiteres Highlight heraus, dass wir witterungsbedingt noch einmal den ICE in F wechseln müssen. Mir wurde aber zugesagt, dass wir trotzdem pünktlich in B sein würden. Auf der Strecke kam zusätzlich ein Anruf vom Kunden, dass etwas mit den Daten nicht stimmt. Telefonberatung ist ein Spitzengeschäft, besonders wenn regelmäßig die Leitung abreißt.

Die Ansage, dass der ICE in F bereitstünde war falsch. Stattdessen stand ich eine Viertel Stunde in der Kälte auf dem Bahnsteig. Die Bahn sparte auch wieder mit Durchsagen, so dass ich fast mit einem Regionalexpress weitergefahren wäre, was noch einmal eine Stunde Verspätung bedeutet hätte. Der Zug kam, war aber zu spät, so dass ich die Optimalverbindung in B verpasste. Immerhin habe ich gegenüber der Optimalstrecke nur 30 Minuten Verspätung gehabt.

Bilanz von heute: 6h Reisezeit und 6€ Tagesspesen.

Was mir solche Reisetage erträglicher macht, ist, dass es nicht meine Freizeit ist, die ich hier vergeude; es wird ja bezahlt. Trotzdem wäre ich lieber gestern Mitternacht zu Hause gewesen und hätte heute schön ausgeschlafen :)

*@T: Diesmal keine Orchidee ;) ... Hab' schon ne Idee. ... YEAH!!! ENTSCHIEDEN!!! Persönliche Lieferung in drei Wochen.

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