Freitag, 23. Januar 2009

Rund ums Gehalt IV: Überstunden (und Reisezeiten)

Ein Kollege von mir wurde dieses Jahr befördert. Er war bisher auf Hierarchiestufe 2, zukünftig nun Hierarchiestufe 3. Diese Hierarchiestufen finden sich in den meisten Beratungen. Man fängt an als Junior Consultant, dann Consultant, dann Senior Consultant, dann ... und irgendwann heißt man dann Vice President. Als Vergleich: Ich bin gerade auf Hierarchiestufe 2 angekommen.

In jedem Fall ist seine Beförderung finanziell ein zweischneidiges Schwert. Auf Stufe 1 und 2 werden die Überstunden bezahlt, sei es in Freizeit oder in Geld. Auf Stufe 3 werden die Überstunden pauschaliert und auf den Lohn draufgeschlagen. Es sei dahingestellt, inwiefern das rechtens ist bei Mitarbeitern, die nicht der Geschäftsleitung angehören. Das Problem an dieser Regelung ist: Die pauschale Erhöhung ist niedriger als die Überstunden, die er letztes Jahr gemacht hat. Unter der Prämisse, dass er das gleiche Pensum arbeitet, verzichtet er also auf Lohn, um die nächste Hierarchieebene zu erklimmen und potentiell Vice President zu werden.

Eine mögliche Lösung für seine Situation ist, dass er sein Pensum reduziert und seine "Work-Life-Balance" optimiert. Wirtschaftlich gesprochen, hat er keinen Anreiz mehr Überstunden zu leisten. Und das gleiche Geld für weniger Arbeit zu verdienen, ist doch super. Andersherum ist das Gegenteil der Fall. Für die Firma sind Überstunden jetzt geschenkt, es gibt also keinen Grund mehr Arbeit zu rationieren. Man sieht, welches Spannungsfeld sich dort auftut.

In meinem Fall wäre eine solche "Beförderung" extrem schädlich wegen meiner Reisezeiten. Reisen ist ein alltägliches Schicksal im Beratermillieu und kein Pappenstiel. Die Reisezeiten sind immer on top zu der Zeit, die man dem Kunden in Rechnung stellt, weshalb ich ganz froh bin, dass sie bezahlt werden. Dieses Jahr nutze ich meine Reisezeiten und habe auf eine Viertagewoche umgestellt. Den fünften Tag verbringe ich Montag Morgen und Donnerstag Abend in der Bahn.

Im Falle einer "Beförderung" würde es mir sicherlich schwerer fallen, den Freitag frei zu machen, da die Überstunden ohnehin bezahlt sind. Ich bin also mit der gegebenen Reisezeiten-Regelung äußerst zufrieden. Gottseidank steht auch bei mir die Beförderung erst wieder in zwei bis drei Jahren an. Wenn überhaupt...

Für all diejenigen, die vorhaben, Handlungsreisender zu werden, ist der Umgang mit den Reisezeiten ein Kernelement jedes Vergütungspakets. Wie viel Reisezeit wird erwartet? Gibt es eine obere Grenze? Wann muss man beim Kunden sein? Und wann ist man freitags zu Hause? Die Antworten auf diese Fragen in Schriftform wären hilfreich.

Das Auszahlen der Überstunden für Stufe 1 und 2 nutzt meine Firma in mehrerer Hinsicht. Zum einen steht man dadurch gegenüber Bewerbern gut da. Viele Bewerber halten die Frage für ketzerisch, inwiefern Überstunden vergütet werden. Bietet eine Firma von sich aus an, diese zu vergüten, ist das ein Plus. Zum anderen steht auf jeder Gehaltsfolien die Anmerkung, dass man die Vergütung der Überstunden auf das Grundgehalt draufschlagen muss, bevor man unsere Gehälter mit denen der Konkurrenz vergleicht. Das wiederum bedeutet, dass man die Vergütung der Überstunden in gewisser Form selbst trägt, nämlich durch ein niedrigers Grundgehalt.

In meinem ersten Projekt hatte ich genau diesen Vergleich. Wir waren als IT-Beratung vor Ort, LazyBanker als Fachberater von einer anderen Firma. Sein Gehalt zu dem Zeitpunkt war mindestens 25% höher als meins, obwohl ich gleichwertige Leistung brachte. Selbst wenn ich 10% Überstunden unterstellte, waren es immer noch knapp 15% Differenz. Viel Holz.

Jetzt, wo ich unterwöchig unterwegs bin, liege ich wahrscheinlich nicht schlechter als er, wahrscheinlich sogar besser. Ich habe locker 25% Reisezeiten on top sowie meine sonstigen Überstunden. Und die bekomme ich im Gegensatz zu ihm bezahlt. Zusätzlich muss ich nicht nach der Arbeit noch intern malochen und unbezahlt Folien bauen. Würde er hingegen zu Hause arbeiten, wäre er deutlich im Plus...

Man sieht, wie schwierig es gerade bei diesem Punkt ist, ihn korrekt ins Gehalt einfließen zu lassen. Letztlich muss man klären, was erwartet wird, was man selbst leisten will und wie das zusammengeht.

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