Montag, 2. Februar 2009

Negative Boni

Ich habe eine Zeitlang bei einem Kumpel zur Untermiete gewohnt. Er arbeitete für einen großen, DAX-notierten Handelskonzern, hatte seinen Job aber gerade gekündigt und war im Umzug begriffen. Und ich war neu in die Stadt gezogen und suchte eine Wohnung. So konnten wir uns die Miete teilen, nachmittags Basketball spielen, abends XBox zocken und Bier trinken; eine Win-Win-Situation.

Eines Tages, er war gerade unterwegs, rief er an und bat mich, die Post durchzuschauen. Ich nannte ihm die Absender, ein Brief war von seiner Firma. Da meinte er, das müsse der Bonusbrief sein und dass ich mal nachgucken soll, was denn rumgekommen sei. Als ich den Umschlag geöffnet hatte und einen Blick auf die Zahl geworfen hatte, musste ich schlucken und sagte ihm, das solle er sich lieber selber anschauen. Er sagte dann nur lachend: "Wieviel Minus ist es denn? fünfstellig?" Ja, es war FÜNFstellig. Euro.

Er nahm das relativ locker. Er wusste, was ich damals nicht gewusst hatte: Die Firma konnte kein Geld von ihm zurückfordern. Das Grundgehalt muss sie immer zahlen. Sie kann den Malus nur dazu verwenden, ihn mit zukünftigen Boni zu verrechnen. In seinem Fall hätte das bedeutet, dass keine Möglichkeit für ihn mehr bestand, je einen Bonus zu beziehen. Gottseidank hatte er schon gekündigt.

Wie war es zum negativen Bonus gekommen? Die Erklärung war einfach und hatte auch nichts mit seiner eigenen Leistung zu tun. Hauptfaktor für den Bonus war die Umsatzentwicklung der Filiale und des Konzerns, typisch für ein Handelsunternehmen. Und die war eben extrem negativ.

Er hat mir in der Zeit, wo wir zusammenwohnten, noch dargelegt, was bei seiner Firma alles nicht stimmt. Einerseits sei die Firma sehr zentralistisch, so dass man vor Ort wenig reißen kann. Andererseits ist ihr Geschäftsmodell für viele ihrer Hauptkunden nicht mehr attraktiv. Er nannte das Beispiel von Restaurants. Früher wären die Restaurantschefs immer selbst zum Einkaufen in die Filiale gefahren. Heute würden sie lieber ein paar Cents drauflegen und sich die Ware ins Restaurant liefern lassen. Zeit ist knapp. So lange man kein Gourmet-Restaurant betreibt, reicht gute Ware. Und für gute Qualität reicht es, sich auf den Lieferanten zu verlassen.

An der Geschichte finde ich ein paar Dinge interessant. Dass ein Unternehmen Briefe verschickt, in denen negative Erfolgsbeteiligungen dieser Größenordnung ausgewiesen werden, ist schon heftig. Man sollte den Bonus lieber streichen, wenn der Erfolgsfall bis auf weiteres nicht erreichbar ist. Die Geschichte belegt auch ein kleines Beratergeheimnis: Die Lösungen für Probleme eines Unternehmens kommen selten von außen, sondern meistens von innen. Aufgabe eines guten Beraters ist es nicht, das Rad neu zu erfinden, sondern die Leute im Betrieb zu finden, die Verbesserungsideen haben. Man bewertet die, schreibt sie zusammen und stellt sie dann der Geschäftsleitung vor. Wenn die Betriebe durchlässigere Hierarchien hätten, wo Ideen und Kritik sich frei entfalten könnten, dann könnten sie sich viele Strategie-Berater sparen.

Tatsächlich wäre vielen Unternehmen mehr geholfen, wenn man die Fähigkeit herstellt, sich selbst zu verbessern. In der Entwicklungshilfe heißt es ja auch "Hilfe zur Selbsthilfe".

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