Montag, 6. April 2009

Vermeidung von "Kommunikation"

Eine Bekannte erzählte mir dieses Wochenende von einem Problem. Sie sitzt an ihrer Promotion und zwei Kollegen plus Professor sind an ihrem Projekt beteiligt. Die Auswertung ihrer Daten ist nicht trivial. Ihre Kollegen und ihr Professor sind hierbei nur bedingt von Hilfe.

Diese Woche hat sie auf einem internen Vortrag einen Mitarbeiter eines anderen Lehrstuhls gefunden, der ähnliche Experimente bereits durchgeführt und ausgewertet hat. Sie bat ihn um Hilfe. Wie das in der Wissenschaft so ist, impliziert "Hilfe" Autorenschaft. In diesem Fall kann diese Implikation durchaus angemessen sein, nämlich dann wenn der Kollege einen signifikanten Beitrag leisten kann.

Ihre Befürchtung ist nun, dass ihre Kollegen sich dagegen sperren, einen neuen Autor mit ins Boot zu holen. Prozessual kann man ihr vorwerfen, die Einladung ausgesprochen zu haben, bevor sie sich mit ihren Kollegen abgesprochen hat. Inhaltlich wird ihr mindestens ein Kollege vorwerfen, dass er das ja genau so gut beherrsche und Hilfe von außen gar nicht notwendig gewesen sei.

Wenn man dieses Problem klären will, kann auf verschiedenen Ebenen (oder Ohren) mit den Kollegen reden:

  • Sachebene: Ich muss voran kommen. Ich brauche Hilfe. Der Neue hat zusätzliche Kompetenzen, die mir und damit auch dem Team helfen. Es ist letztlich meine Diplomarbeit und ich muss entscheiden, wer mir dabei hilft.
  • Beziehungsebene: Ich wollte Euch nicht übergehen. Ich finde, Ihr seid ein wichtiger Teil dieses Projekts und leistet wichtige Arbeit. Es lief spontan und ich habe Euch direkt im Nachgang informiert. Wir profitieren alle ... 
Man kann sicherlich noch mehr Argumente finden, um die eigene Position zu verteidigen bzw. zu erklären. Motivation hierfür wäre, dass man "über Probleme reden" soll, um die "aus der Welt zu schaffen".

Meine Haltung ist da anders: Man muss nicht über alle Probleme "reden", um sie aus der Welt zu schaffen. Es gibt genug "Probleme", die sich mit der Zeit von selbst erledigen. Schweigen und Ignorieren sind ein gangbarer Weg. Mein Vorgehen wäre in etwa wie folgt:

  1. Knappe Informationsemail schreiben. Kurz Kontext beschreiben (Meeting am Lehrstuhl). Dann Hinweis, dass X bei der Auswertung helfen wird, weil er [konkrete Dinge aufzählen] kann. Kein Wort von Autorenschaft. Keine Frage an die anderen richten.
  2. Im persönlichen Gespräch die Anekdote erzählen, wie man auf die Idee kam, die Person zu beteiligen. Vortrag am Lehrstuhl. Diskussion im Anschluss über das eigene Experiment. Viele interessante Ideen. Impulsiv kam die Idee, ihn zu fragen, ob er nicht mitmachen wolle. Und das Ganze möglichst ausschweifend, mit vielen Details und enthusiatisch.
Durch Nachfragen, Kritik, ... darf man sich nicht in eine Diskussion verwickeln lassen. Entweder mit offenen W-Fragen (Wie, Was, Wann, Warum, ...) reagieren und Zeit gewinnen. Oder die Anekdote einfach noch mal von vorn erzählen. Immer die Ich-Form und Gefühle verwenden.

Ziel dieser Herangehensweise ist es nicht, die Differenzen aus der Welt zu räumen, sondern sie stehen zu lassen. Denn Differenzen gibt es nun einmal. Ewig darüber zu lamentieren, macht die Situation auch nicht besser.

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