Mittwoch, 20. Mai 2009

Zu viel Arbeit für 40h? Dann arbeite doch länger.

Die erste Reaktion auf ein Mehr an Arbeit ist mehr zu arbeiten. Wenn 40h nicht reichen, dann muss man "eben eine Schippe zulegen". 40 Stunden sind ohnehin was für Pünktlichstempler und Karriereknicker ...

Die Logik hinter Überstunden und Mehrarbeit ist einfach. Arbeite ich pro Tag eine Stunde mehr (12,5%), dann schaffe ich auch 12,5% mehr weg. Ich kann also ein Achtel mehr Arbeit bewältigen. Übertragen auf das EVA-Modell sind Überstunden eine Maßnahme, die sich allein auf die Verarbeitung beziehen. Es kommt mehr rein, es muss mehr raus, also arbeite ich länger.

Zusätzlich verschaffe ich mir durch Überstunden zeitliche Flexibilität. Sie helfen mir, auf Termindruck zu reagieren. Angenommen es ist Wochenbeginn und ich erfahre, dass ich am Freitag eine Präsentation beim Kunden geben soll. Für die Erstellung der Präsentation benötige ich vierzig Stunden (eine Mannwoche). Mache ich Dienst nach Vorschrift, bin ich erst Freitag Abend fertig, also zu spät. Deshalb arbeite ich von Montag bis Donnerstag 10h statt 8h. Durch die Überstunden gelingt es mir, einen Tag früher fertig zu werden, nämlich Donnerstag Abend, und ich kann meinen Kundentermin pünktlich wahrnehmen.

So erfolgreich ich in diesem Beispiel darin war, den Termin zu halten, so wenig hat sich mein Aufwand geändert. Ich habe weiterhin 40h gearbeitet. Das heißt, ich bin zwar früher fertig geworden, aber eben nicht schneller. Überstunden verbessern also meine Effizienz nicht.

Im Beispiel unterstelle ich, dass sich fünf Tage à acht Stunden verlustfrei in vier Tage à zehn Stunden umrechnen lassen. Diese Prämisse ist ähnlich realistisch, wie die Annahme effizienter Märkte. Angenommen mein Projekt hat einen Aufwand von 100 Manntagen. Lasse ich 100 Mitarbeiter je einen Tag am Projekt arbeiten, ist das Projekt trotzdem nicht morgen fertig. Zwischen Teilaktivitäten eines Projekts bestehen zeitliche Abhängigkeiten. Z.B. muss man die Anforderungen erheben, bevor man mit der Programmierung beginnt. Daneben erfordert die Zusammenarbeit vieler Menschen Abstimmungsaufwand, der nicht zu unterschätzen ist. Im Falle der Überstunden-befeuerten Angebotserstellung von oben kann es mir z.B. leicht passieren, dass ich auf Feedback des Kundenverantwortlichen warten muss und deshalb nicht vorankomme.

Losgelöst von betrieblichen Abhängigkeiten muss man auch bedenken, dass die eigene Leistungsfähigkeit über den Tag keine Konstante ist. Ich bin in der dritten Überstunde nicht genauso produktiv wie morgens um 10h. Umso länger ich arbeite, um so weniger leistungsfähig bin ich. Das lässt sich allgemein über Unfallstatistiken belegen.

Für mich als Informatiker sind Berufsunfälle eher selten. Mir passiert es aber häufig, dass ich morgens Probleme in kurzer Zeit löse, an denen ich mir noch am Vorabend stundenlang die Zähne ausgebissen habe. Auch passieren mir zu später Stunde mehr Fehler. Ich würde daher tippen, dass zwei Überstunden maximal 1,5h normaler Arbeitszeit entsprechen. Dieser Effekt verstärkt sich noch, wenn man über lange Zeit Überstunden macht. Irgendwann ist man auch um 10h nicht mehr so leistungsfähig wie normal.

Ein weiterer schlimmer Effekt von Überstunden kann sein, dass sie selbstverstärkend sind. Sie wecken Erwartungen. Es soll z.B. Chefs geben, die sich weigern Aufwände zu schätzen. Stattdessen schmeißen sie ihre Mitarbeiter mit Aufgaben zu und unterfeuern diese mit mächtig Termindruck, egal ob der Druck nötig ist oder nicht. Wenn alles glatt geht, ist ihre Schlussfolgerung, dass die Aufgabe zu klein war und der Mitarbeiter beim nächsten Mal noch mehr tun muss.

Man sieht, Überstunden sind keine dauerhafte Lösung. Sie sind nützlich um zwischenzeitliche Projektspitzen abzudecken und wichtige Termine zu halten. Wichtig ist hier, sich im Anschluss auch die Zeit zu nehmen, den Akku wieder voll zu machen. Überstunden sind aber schädlich, um dauerhaft mit zu viel Arbeit umzugehen. Sie steigern meine Effizienz nicht, sie veringern weder Input noch Output und sie wecken Begehrlichkeiten. Alternativen demnächst.

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