Mittwoch, 10. Juni 2009

Einkaufszentren und Karstadt

Gegenwärtig wird in allen Medien der Abgesang auf das Kaufhaus gesungen: "Die Karstadt-Idee hat sich überlebt." Als Gegenmodell wird gemeinhin das Einkaufszentrum genannt, neudeutsch Mall. Die Verfügbarkeit von Parkplätzen und die gute PKW-Verkehrsanbindung seien klare Vorteile, die das Einkaufszentrum auf der grünen Wiese gegenüber dem Kaufhaus in der Innenstadt habe. Außerdem "macht es den Menschen mehr Spaß von Laden zu Laden als von Stand zu Stand zu gehen" und die Architektur sei aufwendiger.

Ich wohne in einer mittelgroßen Stadt, wir haben ein klassisches Kaufhaus und eine belebte Innenstadt. Seit dem letzten Jahr gibt es am Stadtrand auch ein Einkaufszentrum. Das Einkaufszentrum verfügt über ausreichend Parkplätze, liegt verkehrsgünstig an einer Hauptausfallstraße der Stadt und an einem Regionalbahnhof. Direkt vor dem Eingang findet sich zusätzlich eine große Busstation.

Die Architektur entspricht dem gängigen Mallentwurf. Es gibt drei offene Etagen, die von oben durch große Dachfenster beleuchtet werden. Die Böden sind mit Parkett gestaltet und es gibt verschiedene Bäcker und Restaurants, die zum Verweilen einladen. Die Auswahl der Läden entspricht ebenfalls dem, was man in Einkaufszentren erwartet: H&M, Deichmann, Apollo Optik, GameStop, ein Weltbild Buchladen, Plus, dm und weitere. Eins gibt es leider nicht: Kunden.


Meine Freundin und ich waren heute da, um uns die Mall einmal anzuschauen. Die Gänge waren leer und die Geschäfte ebenso. Ich behaupte mal, unser H&M in der Stadtmitte hat allein mehr Kunden als das Einkaufszentrum am Stadtrand. Es war schon bezeichnend, dass der einzige Kunde des Zeitungsgeschäfts ein Mitarbeiter von Ditsch war, leicht zu erkennen an seiner Cappy und seinem gelben Polohemd.

Ein Problem des Einkaufszentrums ist, dass die gleichen Filialisten, die im Einkaufszentrum sind, sich auch in der Innenstadt finden. Nur sind die Läden in der Innenstadt größer und damit die Auswahl besser. Meine Freundin war nach 30min mit H&M durch (Rekord!) und sie war mit der Auswahl äußerst unzufrieden. Dann lieber gleich zum großen H&M in der Innenstadt, wo sie Stunden verbringen kann. Der Buchladen war im Vergleich zum Buchladen im Stadtzentrum ein Witz. Einen Elektronikladen gab es gar nicht.

Weil wir kein Auto haben und ich heute Lust auf frische Luft hatte, sind wir zu Fuß hingelaufen. Wir waren 50min unterwegs. Der Rückweg mit dem Bus war schneller, die Fahrt dauerte 20min. Im Vergleich dazu erreichen wir unsere Haupteinkaufsstraße mit dem althergebrachten Kaufhaus innerhalb von 15min zu Fuß. Das gilt jetzt nicht für uns, sondern für schätzungsweise 50% der Bevölkerung. Warum ins Auto steigen, um Klamotten zu shoppen, wenn man das wunderbar zu Fuß machen kann?

Jetzt zum Kaufhaus in der Stadtmitte. Soweit ich es überblicke, läuft es gut. Ich kaufe dort regelmäßig ein (Küchenartikel, Anzüge, Hemden, Joggingschuhe) und der Laden ist gemeinhin voll. Wichtig ist, dass der Laden direkt kombiniert ist mit einem Elektronikladen, was viel Laufkundschaft bedeutet. Außerdem sind die Preise in Ordnung und man findet eigentlich alles, was man braucht. Ein überkommenes Konzept stelle ich mir anders vor.

Bei unserem Einkaufszentrum hingegen ist es nur noch eine Frage der Zeit, bevor dort dicht gemacht wird. Es hat einfach kein Einkaufszentrum gebraucht. Und shoppen in der Stadt mit viel Auswahl ist ohnehin netter als auf der grünen Wiese mit wenig.

Das findet sich übrigens auch in den ach so modernen Malls wie der Europa Passage in Hamburg oder dem Alexa in Berlin. Beide liegen in der Innenstadt statt auf der grünen Wiese. Beide haben gar nicht den Anspruch unabhängig von der restlichen Innenstadt zu sein und diese abzulösen, sondern beide erweitern die innerstädtischen Einkaufsmöglichkeiten. Man kann dort in der Innenstadt bummeln, nur eben mit einem Dach über dem Kopf, falls es regnet. Im Falle der Hamburger Europa Passage ist es sogar so, dass dort eine bessere Verbindung zwischen Jungfernstieg und Mönckebergstraße geschaffen wurde. Das Konzept als Ganzes ist nicht neu, sondern findet sich z.B. in Leipzig oder Turin.

Was Karstadt angeht, denke ich, dass der schöne Satz "Man muss Geld ausgeben, um Geld zu verdienen" sehr gut passt. In den 80er, so meine frühkindliche Erinnerung mich nicht trügt, war Karstadt eine gute Marke, die für gehobenes Einkaufen stand. In den 90er begannen die Läden nicht mehr so schön auszusehen, sondern altbacken. Wo andere Parkett verlegten, Holzregale und Fenster hatten, hatte Karstadt immer noch die Wabe, Drahtkörbe und Linoleum. Wahrscheinlich lief ein internes Sparprogramm, so dass für die nötigen Investitionen in die Gebäude kein Geld da war. Es lief ja auch so. Spätestens im neuen Jahrtausend war die Marke Karstadt dann kaputt. Heute denkt keiner mehr an gehobenes Einkaufen, wenn er eine Karstadt Filiale betritt.

Man hat am Ende noch versucht gegenzusteuern, indem man begann, in die Filialen zu investieren. So wurde in Essen der Limbecker Platz gebaut, in anderen Filialen wurde massiv investiert. Es war wohl nur zu spät.

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