Dienstag, 14. Juli 2009

Über den Kunden reden

Ich habe in einer mittelgroßen Stadt Informatik studiert, nennen wir sie mal Karlsruhe*. Die Größe hatte Vor- und Nachteile. Vorteile: Man konnte überall zu Fuß hin und es war nicht anonym. Nachteile: Es gab keinen Ansons (kleiner Insider) und man traf Leute immer zur falschen Zeit. Mir erging es häufig so, dass ebendie Person direkt hinter mir stand, über die ich gerade lästern etwas erzählen wollte. Mit der Zeit habe ich mir den Karlsruhe*-Blick angewöhnt: Bevor ich über eine Person reden würde, schaute ich mich im Raum um, um wirklich sicher zu sein, dass sie nicht dort wäre.

Diesen Blick habe ich aus meiner Studienzeit mitgenommen. Viele Gesprächspartner sind überrascht, wenn ich mitten im Satz aufstehe, mich im Raum umgucke und mich dann wieder setze, um den Satz fortzuführen. Man kann es Paranoia nennen, ich nenne es eben meinen Karlsruhe*-Blick.

Als Berater hat mir dieses Verhalten partiell geholfen: Der Kunde ist ebenfalls überall. Wenn man abends mit Kollegen unterwegs ist, kann es sehr gut sein, dass Interne aus der Nachbarabteilung gleich am Nachbartisch sitzen. Gerade in kleinen Provinznestern sind die Ausgehorte stark eingeschränkt, so dass man sich regelmäßig über den Weg läuft. Noch häufiger trifft man andere Externen: Die haben abends auch nichts zu tun.

Neben den Aktivitäten unter der Woche sind An- und Abreise gefährlich, es sei denn man fährt Auto. Die Reisezeiten von Beratern und Kunden sind ähnlich und der Zielort auf der Hinreise gleich (bzw. der Startort auf der Rückreise). Das heißt, mit einiger Wahrscheinlichkeit ist der Typ mit dem Laptop neben mir ein Berater von einer anderen Firma, der eine Etage höher zu High Frequency Trading berät.

In all diesen Situationen wäre es sehr hilfreich, nicht über den Kunden und die Arbeit zu reden. Das ist nur verdammt schwer. Wenn das Projekt toll ist, möchte man davon erzählen. Und wenn das Projekt Mist ist, ebenso. Wenn der Kundenverantwortliche beim Mittag dabei ist, erzählt man von Akquise-Chancen. Und wenn der Vorstandsvorsitzende wieder eine großartige Email geschrieben hat, dann ruft man den Kollegen in München an und hat einen gemeinsamen Lacher.

Was ich deshalb versuche, ist meine Kommunikation zu anonymisieren, soweit das möglich ist. Ich verwende nie den Namen des Kunden in einem Gespräch, höchstens den ersten Buchstaben des Nachnamens. Ich lasse die Gegenseite Inhalte raten und bestätige dann nur mit Ja/Nein. Ich versuche ein stilles Plätzchen für mein Gespräch zu finden bzw. das Gespräch aufzuschieben

Zum letzten Punkt: Wir hatten mal einen Büronachbarn von einer anderen Beratung. Der ist selbst im Winter vor die Tür gegangen, um interne Telefonate zu machen. War schon lustig, wie er vor unserem Fenster hoch und runtergelaufen ist. So muss es sein.

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