Mittwoch, 6. Januar 2010

Zwanzig Jahre für lau

Der Stern hat eine Gehaltsumfrage gemacht. Ergebnis: Für 50% der Deutschen haben die letzten zwanzig Jahren real (nach Abzug der Inflation) keinen Gehaltszuwachs bedeutet. Schön, wenn sich die Schöne Neue Wirtschaftswelt so positiv manifestiert. Eine hart getroffene Berufsgruppe: Informatiker, -30% Kaufkraft. Super, bin genau in der richtigen Branche tätig. Warum Informatiker so schlecht abschneiden? Meine Meinung:


  1. Keine Standesehre - Jeder kann als IT'ler arbeiten. Anders als z.B. im Maschinenbau, wo gewisse Standards erwartet werden, kann ein Theologie-Studienabbrecher als Programmierer anfangen, weil er mal mit Access gearbeitet hat. Das drückt dann natürlich auf die Gehälter in der Branche.
  2. Attacke auf die Lebensphilosophie - Vor Jahren hat die IG Metall bei SAP einen Betriebsrat durchgedrückt. Viele Mitarbeiter wollten ihn nicht. Die Meinung Hopps, dass ein Betriebsrat "eine Attacke auf seine Lebensphilosophie" sei, hätte auch von einem Angestellten kommen können. Die IG Metall will uns die All-Nighter mit Cola und Pizza nehmen! Die unbezahlten und gesetzeswidrigen Überstunden! Auf die Barrikaden! Kleiner Seitenhieb: Was an einem Betriebsrat so böse sein soll, besonders im Kontext eines DAX-Konzerns, erschließt sich mir nicht, liebe SAP'ler.
  3. Missverstandener Individualismus - Ein wesentlicher Teil dieser Lebensphilosophie ist der Individualismus. Man hat gerne seine Ruhe und klärt Dinge für sich. Und das ist ja auch völlig in Ordnung. Inwiefern das aber Solidarität unter Kollegen ausschließt, sehe ich nicht. Es ist ohnehin eine komische Situation, wenn gerade die Berufsgruppe alles individuell klären will, deren Mitglieder für ihre ausgeprägte Sozialkompetenz so berühmt sind. Dass ein Informatiker sein Gehalt und seine sonstigen Probleme effektiv und persönlich mit seinem BWL'er Chef klären kann... LOL.
  4. Das Vertrauensspiel: In der Schule hatten wir einen Physiklehrer, der mit uns ein sehr einfaches Spiel gespielt hat, das Vertrauensspiel. Es ging so. Wenn alle miteinander einig waren, zahlte die Bank (also der Physiklehrer) einen Punkt an alle. Wenn einer dagegen stimmte, erhielt er einen Punkt von den anderen Spielern. Und so weiter. Waren alle dagegen, erhielt die Bank die Punkte. Im Kern war das eine Variante des Gefangenen Dilemmas. Zwar kann man einzeln bessere Resulte erreichen. In Summe schneiden aber alle besser ab, wenn man zusammenhält.
  5. Keine Streiks - Meine alte Firma hatte für 2009 die Gehaltsrunde komplett gestrichen, was besonders die Berufsanfänger hart traf. Reaktion der Mitarbeiter: gar keine. Einzeln konnten wir nichts machen. Man hätte als Belegschaft einfach mal einen Tag streiken sollen. Motto: Ein Tag ohne Tagessatz. Oder zwei ... Realität: Der Streik 2007 bei der Sparkassen Informatik (SI) ist die Ausnahme in der Branche. Er war immerhin erfolgreich.
Wer besser abgeschnitten hat? Gewinner der letzten Jahre sind Beamte und Angestellte im Öffentlichen Dienst, die gerne mal streiken und einen hohen Organisationsgrad haben. Und Angestellte im Finanzsektor.

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