Donnerstag, 18. Februar 2010

Lebensversicherungen am Sekundärmarkt

Bei der Süddeutschen findet sich ein Artikel über einen findigen amerikanischen Investor, der todsichere Anlagen in amerikanische Lebensversicherungen gemacht hat. Er hat hierzu Amerikaner gesucht, die eine kurze Lebenserwartung hatten (z.B. Lungenkrebs, Diabetes, …). Mit/Für diese hat er Lebensversicherungen mit hohem Versicherungswert abgeschlossen. Die Versicherungsgesellschaften haben dann die Prämien ähnlich einem Investmentfonds am Kapitalmarkt investiert.

Der Trick besteht darin, dass die Versicherungen im Todesfall mindestens die eingezahlten Prämien erstatten müssen. Zusätzlich müssen die Versicherungen eventuelle Gewinne auf die Investments abführen. Der Investor profitiert also voll von den Gewinnen, nimmt aber keine Verluste. Durch die kurze Lebenserwartung wird verhindert, dass gute und schlechte Jahre miteinander verrechnet werden können. Pfiffig.

Inwiefern das vor amerikanischen Gerichten bestand hat, kann ich nicht einschätzen. Man könnte so was auch sittenwidrig nennen. Bzw. der Vertrag wurde explizit in bad faith abgeschlossen. Leider sagt der Artikel nicht, wie hoch die erzielten Renditen waren. Wenn der Initiator sich aber für das "Gegenteil von Madoff" hält, kann man eine Rendite > 15% pro Jahr unterstellen.

Was man bei der Geschichte als Privatanleger lernen kann, ist, dass hohe Renditen meistens auf Beschiss hindeuten. Irgendjemand muss dafür zahlen, wenn man risikofreie Renditen im zweistelligen Bereich erwartet. Im obigen Fall sind es die Versicherungsgesellschaften. Im Falle der Hypo Alpe Adria, deren Verkauf ihren deutschen Investoren annualisierte Renditen um die 100% beschert hat, die Bayerische Landesbank und damit der deutsche Steuerzahler.

Und weil diese Renditen meistens auf Beschiss hindeuten, ist man als Privatanleger im Normalfall nicht dabei. Jedenfalls nicht als Gewinner. Beschiss funktioniert eben besser in einer überschaubaren, vertraulichen Runde.

Was man als Anleger nicht lernen sollte, ist die Schlussfolgerung, dass Investments in amerikanische Lebensversicherungen ein todsicheres Ding sind. Die Deutsche Bank war vor einiger Zeit in den Nachrichten wegen zweier Fonds, die in amerikanische Lebensversicherungen investiert sind. Nur nicht nach dem findigen Modell von oben, sondern mit aktuell 20% Verlust. Das ist jedenfalls die Auszahlung, die die Deutsche Bank den Investoren anbietet. Darüber hat die Süddeutsche auch berichtet.

Der klassische Sekundärmarkt für Lebensversicherungen fußt darauf, dass es einige Versicherungsnehmer gibt, die vor Ablauf der Lebensversicherung an ihr Kapital kommen müssen. Die Lebensversicherung kann dann zwar gekündigt werden, nur verlangt die Versicherungsgesellschaft meist hohe Abschläge. Es kann sich deshalb lohnen, seine Versicherung nicht zu kündigen, sondern an einen Dritten zu veräußern, der sie regulär weiterführt, um nach Ablauf (bzw. auch bei Tod) die Versicherungssumme einzustecken. Dahinter steckt nur etwas Mathe (Barwert). An sich ist das ein langweiliges Geschäft, das sich nicht für Rekordrenditen eignet.

Das Volumen des Sekundärmarkts ist endlich. Pro Jahr gibt es nur so viele Menschen in Not, die a) eine hohe Lebensversicherung haben und b) diese auflösen wollen. Hoch sollte die Lebensversicherung sein, weil ansonsten die Transaktionskosten in keinem Verhältnis zum Ertrag stehen. Und der Verkäufer muss in Not sein, da ein Verkauf nie ein Gewinngeschäft für ihn sein kann. Seine Police hat einen aktuellen Wert, den Barwert. Den kriegt er nicht ausgezahlt, sondern die Transaktionsgebühren gehen runter sowie der Gewinn für Käufer und Bank. Immerhin kriegt er mehr als von der Versicherung.

Die Endlichkeit des Sekundärmarkts ist ein krasses Wachstumshindernis, welches Lebensversicherungsfonds im Normalfall zu einem Nischenprodukt machen sollte. Da aber der Aufkauf von Lebensversicherungen und die Bündelung in ABS, so genannten Death Bonds, profitabel für die Banken sind, tut Wachstum Not. Also muss die Bank sich selbst eine Pipeline mit neuen Lebensversicherungen zulegen, indem sie aktiv Policen vertreibt und diese direkt übernimmt.

Problem: Wie kann das überhaupt Renditen abwerfen, die höher sind als die Renditen der zugrunde liegenden Lebensversicherungen?

Im Normalfall gar nicht. Während der klassische Sekundärmarkt auf der Annahme fußt, dass der Verkäufer seine Versicherung loswerden will, weshalb er einen Preis unter dem Barwert akzeptiert, hat man hier keinen Verkäufer. Es ist ja von vornherein die Bank, die die Transaktion mit einem Strohmann lanciert. Dazu kommen noch die Transaktionskosten, weshalb die Rendite sogar schlechter sein sollte als die klassische Lebensversicherung.

Deshalb argumentieren die Banken auch nicht mit dem normalen Barwert, sondern unterstellen eine verfrühte Auszahlung wegen vorzeitigen Ablebens des Versicherungsnehmers. Wenn man nur genug Frühsterber für die Lebensversicherung findet, kann man ordentlich Rendite erwirtschaften. Das Drehen an der Lebenserwartung eignet sich auch für das Tunen der Rendite in Beispielrechnungen.

Wann man die Schwelle zum Versicherungsbetrug überschreitet, kann ich nicht einschätzen. Ich weiß nur, dass das Abschätzen der Lebenserwartung von Versicherten das Kerngeschäft einer Lebensversicherung ist. Ich würde erwarten, dass die Lebensversicherungen das besser können als Banken. Immerhin wissen Versicherungsmathematiker was tail risks sind. Das Beispiel Deutsche Bank scheint meine Einschätzung zu bestätigen.

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