Freitag, 12. Februar 2010

Zugüberholung und Anreizsysteme

Wenn ein Zug etwas, aber nicht viel mehr als eine Stunde zu spät ist, fährt nach Plan häufig schon der nächste Zug auf der Strecke. Ist der nachfolgende Zug pünktlich, kommt es zu einer für den Bahnreisenden widersinnigen Situation: der Zugüberholung. Unterwegs, an einem Bahnhof, wird auf den verspäteten Zug gewartet, damit er den pünktlichen Zug überholen kann. Statt eines verspäteten Zuges hat man als Folge zwei.

Die Gesamtverspätung beider Züge steigt durch das Überholen. Der pünktliche Zug muss warten und nach der Überholung denselben Abstand halten, den der verspätete Zug vor der Überholung schon hatte. Das macht schnell zehn Minuten Verspätung für den pünktlichen Zug durch den Überholvorgang.

Zusätzlich zur Gesamtverspätung beider Züge steigt auch die Verspätung pro Fahrgast. Die Fahrgäste, die seit einer Stunde auf den verspäteten Zug warten, steigen selbstverständlich in den ersten Zug ein, der in ihre Richtung fährt. Vor der Überholung ist das der pünktliche Zug. Und natürlich fahren auch die Fahrgäste mit dem pünktlichen Zug, die von vornherein den pünktlichen Zug nehmen wollten. Dementsprechend voll ist der pünktliche Zug.

Bei der Überholung wird den Fahrgästen dann angeboten, den Zug zu wechseln. Faules Wesen, dass der Mensch nun mal ist, nutzen sehr wenige Fahrgäste dieses Angebot, so dass der hinterherfahrende, ehemals pünktliche, Zug voller ist als der vorausfahrende, ehemals verspätet. Die Verspätung pro Fahrgast steigt durch diesen Effekt noch einmal zusätzlich.

Um die Entscheidung der Bahn zu verstehen, muss man sich etwas mit den Fahrgastrechten beschäftigen. Denn, tarrah!, ab 60 Minuten kriegen Bahnkunden mit normalen Tickets immerhin einen Viertel des Tickets erstattet. Für die Bahn ist es folglich wirtschaftlich sinnvoll, einem pünktlichen Zug 15 Minuten Verspätung reinzudrücken, nur um die geringe Möglichkeit zu haben, einen verspäteten Zug unter die 60 Minuten Grenze zu fahren und sich so die Entschädigung zu sparen. Ich sag nur: Anreize und ihre Nebenwirkungen.

Am Rande möchte ich der Bahn hier auch noch einen Optimierungsvorschlag machen. Wenn man schon zwei Züge hat, die fast zeitgleich fahren, könnte man den verspäteten auch als Express einsetzen mit weniger Halten. So könnte es eventuell wirklich gelingen, verlorene Zeit reinzufahren.

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