Donnerstag, 25. März 2010

Fuzzy Arbeitszeiten und die Kansas-Latzhose

Es soll mal Jobs gegeben haben, wo man um 7h anfing, wo um 9h Frühstückspause von 15min war, um 12h Mittagspause von 45min und Punkt 16h Schluss. Solche Jobs gibt es und ich hatte mal so einen. In meiner Schulzeit habe ich in den Ferien in einem landwirtschaftlichen Betrieb mitgeholfen. Meine Kansas-Latzhose habe ich immer noch.

Stellt sich heraus, dass die Landwirtschaft zu den psychisch gesündesten Branchen überhaupt zählt. Die psychisch-bedingten Krankenstände in Bau- und Landwirtschaft liegen 30-50% unter Schnitt

Die Tätigkeit auf dem Acker war intellektuell wenig herausfordernd, sie hatte aber ihren schlichten Charme. Mein Arbeitsbeginn war fix, 7h im Frühjahr und Herbst, 6h im Sommer. Meine Pausen ebenso. Und um 16h radelte ich vom Hof. Es gab kein Überschlagen, wie viel ich wegen der untertätigen Pausen hinten ranhängen müsste. Und wenn Überstunden nötig waren, wurden die angeordnet und bezahlt. Kein Gleitzeitkonto, keine Verrechnung am Sanktnimmerleinstag, kein Verfall von Überstunden.

Der Gedanke, dass muss heute noch fertig werden, war mir fern: Um 16h auf meinen Fahrrad lag die Arbeit hinter mir. Das Tageswerk war verrichtet. Während ich das schreibe, komme ich nicht umhin, an die nächste Woche zu denken, an die Aufgaben, die auf mich warten, und wie ich sie angehen kann. So ein Gedanke hat auf dem Acker keinen Sinn gemacht. Morgens kam der Vorarbeiter und sagte, was heute zu machen sei.


Die Arbeit auf dem Acker war in sich abgeschlossen. Wenn der Vorarbeiter unzufrieden war, konnte es passieren, dass man am nächsten Tag noch mal nacharbeiten musste. Aber dass man noch Wochen, Monate oder Jahre später mit seinen alten „Arbeitsergebnissen“ konfrontiert wird, das gab es nicht. Ganz anders sieht es mit Beratung aus: Projekte rufen auch gerne mal Monate nach Projektabschluss und –ausstieg bei mir an und fragen mich nach dem Schmu, den ich damals verzapft habe.

Auf dem Acker war mir immer sehr klar, was von mir gefordert wurde. Ich musste keine Energie auf das „Voller Schreibtisch-Postkorbspielchen“ verschwenden, konnte dem Radio lauschen und meine Gedanken kreisen lassen, während ich körperlicher Arbeit nachging. Langweilte ich mich, schaute ich auf die Uhr und rechnete in Prozent aus, wie viel der Arbeitszeit schon verstrichen war. Gipfelfest war um 11.15h.

Im Bürojob hingegen ist das Rechnen weniger effektiv und befriedigend. Arbeitszeiten sind fuzzy. Ich weiß zwar ungefähr, wann ich angefangen habe; leider gibt es keine Stechuhren mehr. Und ich weiß auch, wann ich 50% meiner Pflichtarbeitszeit hinter mir habe. Wann ich aber wirklich das Büro verlasse, ist mir mittags unklar.

Klar, die körperliche Arbeit auf dem Acker war anstrengend. Und wenn ich um 16.15h zu Hause war, ging ich duschen und legte mich für ein Stündchen auf die Couch. Aber die (körperliche) Erschöpfung hatte etwas Befreiendes, ähnlich wie die Erschöpfung nach 5km joggen. Ganz anders empfinde ich die Dumpfheit im Kopf, die sich nach einem stressigen Tag im Büro einstellt. Ich komme ins Hotelzimmer, hau mich aufs Bett und vegetiere vor mich hin. Apropos, diese Dumpfheit ist der Grund dafür, warum ich meine Hotel- und Bahnzeit nicht für mehr Posts nutze.

Zu guter letzt noch zu den Kollegen. Auf dem Acker war die Hackordnung relativ einfach. Die guten Leute waren die Vorarbeiter. Der Rest war der Rest. „Intrigen“ für die Beförderung oder Mobbing waren wenig zweckdienlich. Wohin wollte man befördert werden? Es gab maximal zwei Ebenen und oben den Eigentümer. Der einzige Weg zur Beförderung war die Meisterprüfung. Wer Lust hatte, machte sie. Wer nicht, nicht. Und das war es dann auch.

Vielleicht verkläre ich die Sache etwas. Es ist lange her. Aber an einem Tag wie heute, wo die Sonne rauskommt, während ich in einem dunklen, muffigen Büro saß, da wünsche ich mir meine Kansas-Latzhose zurück.

1 Kommentar:

  1. Das klingt ja fast nach dem sehnlichen Wunsch nach einer neuen Arbeitsethik.

    Mit ziemlicher Sicherheit verklärst Du ein paar Sachen, so zum Beispiel die körperlichen Beschwerden die die Arbeit auf dem Feld mitunter nach sich zog. Inwiefern man diese mit den geistigen Beschwerden eines Bürojobs aufwiegen kann ist eine schwierige Frage.

    Mhh, vielleicht sollten wir doch mal anfangen eine neue Arbeitsphilosophie zu schreiben. Arbeiten um zu leben statt leben um zu arbeiten...

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