Mittwoch, 24. März 2010

Rote Ampeln, Lebensmittel und Jamie Oliver

Mein Cousin aus Brasilien war vor Jahren bei uns in Deutschland zu Besuch. Was ihn an meisten an Deutschland erstaunte, waren Begebenheiten, wo mitten in der Nacht auf einer verwaisten Kreuzung deutsche Autofahrer an der Ampel auf Grün warteten. Warum, lautete seine Frage. Er gab zu, dass es in Brasilien weder einer späten Stunden noch einer verwaisten Kreuzung bedurfte, damit Brasilianer über Rot fuhren. Das sei gefährlich. Aber mitten in der Nacht? Das sei unsinnig.

Als deutscher Fußgänger bin ich mit den Ampelfarben sehr viel flexibler als ein deutscher Autofahrer. Rot ist eine Warnung, ich gucke links, ich gucke rechts und ich laufe. Das bringt mir ab und an auch die Missachtung deutscher Vorzeigeeltern, die ihren Kleinen den Anblick eines Jaywalkers ersparen wollen.

An anderer Stelle sind Ampeln ins Gerede gekommen. Es geht um die Auszeichnung von Lebensmitteln mit Ampelfarben statt kryptischen Prozentwerten. Grün gut, gelb okay, rot schlecht und das pro Nahrungsmittelkomponente (Zucker, Fett, …). Wer weiß schon, ob 25% Tagesbedarf Zucker im Schokoriegel ein Problem sind? Und wer benötigt die Pseudogenauigkeit der Prozentangabe? Das leuchtet den meisten Bundesbürgern auch ein, so dass sich die Lebensmittelampel sehr hoher Beliebtheit in der Bevölkerung erfreut. Satte 90% unterstützen ihre Einführung.

Als naiver Demokrat würde man nun erwarten, dass eine Maßnahme, die eine so deutliche Mehrheit der Bevölkerung unterstützt, die den Staat nichts kostet und im besten Fall gut für die Gesundheit ist, was sogar Geld spart, rasch umgesetzt wird. Weit gefehlt: Die Nahrungsmittelindustrie wehrt sich mit Händen und Füßen gegen die Auszeichnung. Sie fürchtet „Wettbewerbsnachteile“, weil der Kunde auf die Idee kommen könnte, weniger ungesunde Produkte zu kaufen. Und auch gesunde Artikel wie Olivenöl oder Obst würden mit einer roten Ampel versehen. Außerdem hätte man ja schon die Prozentdarstellung, die ein Nahrungsmittel sehr viel präziser charakterisiere als eine pauschalierende Ampel.

Der Verweis auf die Prozentdarstellung ist Augenwischerei. Einerseits muss ein Kunde erst einmal überschlagen, was 20% Zucker nun für seinen Tagesbedarf bedeuten. Andererseits wählen die Hersteller völlig unsinnige Mengen. Auf einer 0,5l PET Colaflasche wird nicht etwa der Zucker der gesamten Flasche ausgewiesen, sondern von einer „Portion“ à 0,25l. Wer trinkt schon die ganze Flasche auf einmal?

Jetzt ist Cola  ein Produkt, von dem jeder weiß, dass es ungesund ist. Und trotzdem trinke ich Cola regelmäßig, wenn auch nicht täglich. Meine Freundin schwört auf die Heilwirkung von Cola und meine Familie kauft zu Weihnachten immer einen Kasten. Eine rote Ampel wird daran wenig ändern. Wahrscheinlich würde sich die Ampel sogar gut in die ohnehin in Rot gestaltete Verpackung fügen. Wer die Ignoranz des Konsumenten bezweifelt, sei auf die Zigarettenschachtel verwiesen. Noch viel weniger betrifft dies bekanntermaßen gesunde Produkte wie Obst und Olivenöl.

Die Wettbewerbsnachteile dürften eher Produkte betreffen, wo Hersteller pseudo-gesund wirken wollen. Mein Lieblingsbeispiel sind die ganzen Müsliderivate (Knuspermüsli, Schokomüsli, ...). Müsli ist doch gesund? Die klassischen Haferflocken von Kölln schon (1,2% Zucker, 1,4% Fett). Die V1talis Knusperkissen hingegen enthalten satte (30,5% Zucker und 7,4% Fett). Wollte man seine Kölln Flocken ähnlich süßen wie die V1talis-Variante braucht man 5 Zuckerwürfel auf 50g. V1talis würde sich sehr wahrscheinlich schlechter verkaufen, wenn Zucker und Fett per Ampel dokumentiert würden.

Der größte Witz an der Sache ist, dass die Wettbewerbsverzerrung für die Hersteller sehr leicht aufzulösen wäre. Wir alle müssen weiter futtern, die Nachfrage nach Lebensmitteln wird also nicht einbrechen. Und jedem Hersteller steht es frei, die Rezeptur seiner Produkte entsprechend anzupassen. Womit auch das Ziel der Auszeichnung erreicht würde: eine Änderung der Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung.

Die von der EU verordnete Nutzung der Prozentangaben hingegen hat offenkundig nicht die gleiche Wirkung:
  • Beweis durch Widerspruch: Hätte sie die gleiche Wirkung, könnte man auch gleich die Ampel verwenden.
  • Beweis durch Beispiel: In den USA ist es bereits seit 1993 Pflicht. Die Fettleibigkeit hat dort nicht abgekommen. Sogar Jamie Oliver musste weinen:

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