Direkt zum Hauptbereich

Technisch mögliche Reisekosten

Als ich Middelhoffs Reisekosten zum ersten Mal sah, konnte ich beim besten Willen nicht nachvollziehen, wie es technisch überhaupt möglich ist, jährliche Reisekosten von 800.000 € zu produzieren, womit ich nicht allein war. Im Fall Middelhoff waren die 800.000 € nur die Reisekosten, die für Privatjets anfielen. Wie hoch der gesamte Posten Reisekosten war, stand nirgends.

Nur um das klarzustellen: Ich reise beruflich verdammt viel. Unter der Woche bin ich drei bis vier Tage beim Kunden. Von 4.000€ (800 T€ / 200 Arbeitstage) kann ich ohne große Entsagungen einen Monat (20 Tage) bestreiten: 100€ pro Tag fürs Hotel und 500€ An- und Abreise pro Woche. Okay, ich schaffe auch auf dem IT-Straßenstrich an bin IT-Berater und reise primär national. Aber selbst ein Principal einer großen Strategieberatung dürfte Schwierigkeiten haben, Reisekosten von über 4.000€ jede Woche zu rechtfertigen (macht 2.000€ für Hotels und 2.000€ für die Flüge). Denn umgelegt auf die Tagessätze bedeuten 4.000€ knapp 800€, die vom Tagessatz einfach so verbraten werden, ohne Gewinn für die Firma zu erwirtschaften...

Wahrscheinlich bin ich aber eine schlechte Referenz. Ich kaufe ja auch weiße Hemden bei Aldi. Offenkundig fehlt mir die entsprechende Sozialisierung. Deswegen sprach ich mit einem Freund, der sich in den Stratosphären des deutschen Managements besser auskennt. Ich nannte ihm die Zahl, er dachte kurz drüber nach und meinte, das wäre nicht wirklich viel:
  • Ein kurzfristig gebuchter Direktfllug First Class von Deutschland nach Hong Kong mit einer renommierten Airline liegt schnell bei 10.000€. Man kann auch für ein Viertel davon First Class fliegen. Oder einfach für Meilen, dann aber nur Business Class.
  • Vor Ort residieren wir im besten Hotel der Stadt, dem Shangri La. Gegenwärtig kriegt man eine Harbour View Suite für 8500 HKD (800€). Wie teuer die wirklich guten Suites sind, wird leider nicht online publiziert. Ich tippe mal aber, dass wir die 2000€ Marke locker durchbrechen. Da wir Montag morgens ankommen und uns noch duschen wollen, buchen wir den Sonntag noch mal extra dazu, so dass noch mal 2000€ oben drauf kommen.
  • Um durch die Stadt zu kommen, reservieren wir einen Limo-Service mit 24h Bereitschaft. Pro Stunde dürften 100€ fällig sein.
  • Einen Tagesausflug in die chinesische Provinz, um einen Lieferanten zu sprechen, machen wir mit einem Hubschrauber. Der kostet pro Stunde um die 600€. Wir sind fünf Stunden unterwegs.
Man könnte sicherlich noch weitere Punkte anfügen, Bewirtungsspesen und Ähnliches. Die 4000€ Schwelle pro Tag ist damit bei einem sechs Tage dauernden Trip durchbrochen.
  1. 10.000€ Flug
  2. 10.000€ Hotel (So-Fr)
  3. 10.000€ Limoservice (24h x 5 Tage x 100€)
  4.   3.000€ Hubschrauber
Summe 33.000€. Für eine Arbeitswoche à fünf Tage liegen wir damit bei 6.600€ Reisekosten pro Tag. Soll übererfüllt.

Wer jetzt einwendet, dass ich extra einen Langstreckenflug ausgesucht habe, täuscht sich, denn das kompensieren wir sehr einfach. Was das First Class Ticket auf der Langstrecke ist, ist der Privatjet in Europa, dazu noch One-Way-Tickets etc. Die restlichen Kosten bleiben ohnehin gleich.

Fazit: Ich mochte es am Anfang nicht glauben: Diese Reisekosten sind technisch möglich. Wow.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Finanzblog des Jahres? Sicherlich.

Dieser Blog wird ab morgen für den Finanzblog des Jahres Finance Blog of the Year nominiert sein. Die Organisatoren von Smava, einer P2P-Bank, haben mir einen entsprechenden Kommentar an meinen SOA Post  angehängt . Wobei sie verwundert bemerkt haben, dass ich überhaupt keine Kontaktdaten auf der Seite habe... KURZER HINWEIS: Der Blog ist anonym, weil ich ungern beim Kunden oder von meinem Chef darauf angesprochen werden möchte. Ich verdiene kein Geld mit meinen zwölf Lesern am Tag und habe auch keine Werbung. Gehostet wird er in den USA (blogspot.com). Deswegen spare ich mir auch das Impressum. Damit wäre dann auch klar, dass ich nicht gewinnen will. ;)

Wette: Stephan Kohn passiert gar nichts

Stephan Kohn ist ein seit kurzem beurlaubter Beamter des Bundesinnenministeriums. Er hatte in einem internen Papier, die Corona Strategie der Regierung angezweifelt und hinterfragt. Seine Grundfrage war, ob die Maßnahmen, die wir gegen Corona ergreifen, nicht mehr Leben kosten als Corona selbst. Es braucht keine großen Modellannahmen, um zu diesem Schluss zu kommen. In den Medien wurde er schnurstracks in die rechte Ecke sortiert und als Verharmloser tituliert. Die direkte Reaktion des BMIs war, ihn freizustellen und mit rechtlichen Schritten zu drohen, d.h. der Entfernung aus dem Beamtenstatus. Und ich stelle mich jetzt mal hin und wette, Stephan Kohn passiert gar nichts. Meine Begründung ist ziemlich einfach. Gerichtsverfahren sind immer mit Risiko für beide Parteien versehen. Das Risiko für Stephan Kohn ist überschaubar, weil schon eingetreten. Das Risiko für das BMI und Herrn Seehofer hingegen ist so groß, dass ich überrascht wäre, wenn es überhaupt zu einer Ver...

Einkaufszentren und Karstadt

Gegenwärtig wird in allen Medien der Abgesang auf das Kaufhaus gesungen: " Die Karstadt -Idee hat sich überlebt ." Als Gegenmodell wird gemeinhin das Einkaufszentrum genannt, neudeutsch Mall . Die Verfügbarkeit von Parkplätzen und die gute PKW-Verkehrsanbindung seien klare Vorteile, die das Einkaufszentrum auf der grünen Wiese gegenüber dem Kaufhaus in der Innenstadt habe. Außerdem " macht es den Menschen mehr Spaß von Laden zu Laden als von Stand zu Stand zu gehen " und die Architektur sei aufwendiger. Ich wohne in einer mittelgroßen Stadt, wir haben ein klassisches Kaufhaus und eine belebte Innenstadt . Seit dem letzten Jahr gibt es am Stadtrand auch ein Einkaufszentrum. Das Einkaufszentrum verfügt über ausreichend Parkplätze, liegt verkehrsgünstig an einer Hauptausfallstraße der Stadt und an einem Regionalbahnhof. Direkt vor dem Eingang findet sich zusätzlich eine große Busstation. Die Architektur entspricht dem gängigen Mallentwurf . Es gibt drei offene Eta...