Sonntag, 20. Juni 2010

Tarifverträge für die Finanzanlage

Unter IT-lern sind Tarifverträge die Seltenheit. Mir fallen nur einige IT-Konzerne ein, wo Tarifverträge gelten, z.B. IBM, HP, SAP oder die Telekom. Detaillierte Infos finden sich bei verdi. SAP, wo der Betriebsrat erkämpft werden musste, ist ein schönes Beispiel für die Haltung, die unter IT'lern gilt: Ich regel das schön selbst. Wie ich schon schrieb, es ist amüsant, dass sozial äußerst kompetente Informatiker ihr Gehalt mit BWL'ern verhandeln wollen. Die miese Gehaltsentwicklung im IT-Bereich gibt mir da recht.

Abgesehen vom IT-Sektor findet sich diese Haltung auch in anderen Berufen. Irgendwo habe ich mal die Aussage eines Personalberaters gelesen, dass sich mehr als drei Viertel seiner Kunden zum Topquartil in ihrem Beruf zählen. It doesn't add up.

Ein Tarifvertrag hat per se viele Vorteile:
  • Es gibt weniger Neid, weil transparent ist, was wer warum verdient.
  • Der Mitarbeiter kann mit der Gehaltsentwicklung planen. Für Inflationsausgleich ist im Normalfall gesorgt.
  • Die Verhandlungen werden zentralisiert geführt, statt ein Mann gegen die große Firma. Insbesondere Punkte wie Überstunden, Reisezeiten oder Urlaub werden dann arbeitsrechtlich sauberer geklärt als in Einzelverhandlungen.
  • Der Durchschnitt (also die Mehrheit der Mitarbeiter) fährt damit besser. Selbst für Topperformer können die obigen Punkte interessant sein.
Gerade der Neidfaktor kann für eine Firma tödlich sein. Wenn alle denken, der neue Kollege verdient um Längen mehr als man selbst, steigt die Unzufriedenheit und es wird härter verhandelt bzw. die Mitarbeiter sind immer auf dem Sprung. Always on the run.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Finanzanlage. Wer sich fragt, wie es zur Immobilienblase in Spanien kommen konnte oder zum Neuen Markt, muss sich intensiv mit Neid auseinander setzen. Ich erinnere mich noch gut an den Neuen Markt. Ich habe damals beim besten Willen nicht verstanden, warum ein Filmrechtehändler namens EMTV Milliarden wert sein sollte. War er auch nicht, wie man heute weiß. Genauso wenig wie Wohnungen in Santander Eppendorfer Preise rechtfertigen. Aber meine Kumpels erzählten davon, wie toll sie doch ihr Geld anlegen würden. Also bin ich auch rein. Me, too!

Viel Geld habe ich gottseidank nicht verloren: Meine Kapitalmarktabenteuer und -erfahrungen haben mich bisher im unteren vierstelligen Eurobereich Geld gekostet. Thanks God. Darüber bin ich froh und ich wünsche allen, dass die Beträge bei ihnen ähnlich gelagert sind.

Zurück zu meinen Kumpels. Sie haben mir natürlich (genauso wie ich anderen) nur von den Erfolgen erzählt. Soll heißen, die tatsächlichen Renditen waren eher niedriger, als was man so hörte und man dann aber erwartete.

Am schönsten fand ich immer die Spezialisten, die über Steuersparmodelle oder alternative Investments fabulierten. Man schaue einfach mal durch, wie viele Seiten die FAZ an Finanzkursen jeden Tag druckt. Das mag für professionelle Großanleger reizvoll sein. Für einen Mittelstandsdeutschen hingegen nicht. Aber wie sonst sollte man die eigenen hohen Renditeerwartungen erfüllen?

Womit wir dann beim Kern der Sache sind: Die Krise, das sind auch wir, das ist auch unser Geld, das sind auch unsere Renditeerwartungen. Wer gibt sich schon mit 5% risikofreiem Zins zufrieden? Yell more more more... Wo bleibt ein Tarifvertrag für Finanzprodukte?

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