Samstag, 26. Juni 2010

Wenn so Provinzstadt aussieht

Der Spiegel hatte diesen Monat einen Artikel zur Bahn und den deutschen Hochgeschwindigkeitsstrecken: Superzug auf Schleichfahrt. Ein paar Details sind interessant, die grobe Richtlinie aber wenig neu. Dass die Verschiebung der Entwicklungsverantwortung von der Bahn zu den Lieferanten (sprich Siemens) ein Griff ins Klo war, ist schon lange bekannt. Sich auf die Anforderungen beschränken, um Kosten zu sparen, reicht bei einem Individualprodukt eben nicht. Ebensowenig wie Züge schnell fahren können, wenn die Strecke es nicht hergibt, weil die Strecke aus Wilhelminischen Zeiten stammt.

Einen Kritikpunkt hingegen teile ich nicht:
"Zudem sorgen die föderalistischen Machtstrukturen der Bundesrepublik dafür, dass Provinzstädte, die kaum einen Regionalzug ernähren können, ICE-Bahnhöfe bekommen. Das zwingt den schnellsten Zug zur Schleichfahrt." 
Als Beispiel werden Montabaur und Limburg genannt sowie Göttingen, Mannheim oder Darmstadt. Als Vorbild wird Frankreich genannt, wo der TGV teilweise ohne Halt von Paris nach Marseille fährt.

Jetzt ist der Vergleich mit Frankreich auf vielen Ebenen unfair. Abgesehen von der unterschiedlichen Geographie und Siedlungsstruktur, sei auf die massiven Steuergelder verwiesen, die investiert wurden, um die Strecken zu bauen. Zudem hat Deutschland bei mehr Einwohnern eine geringere Fläche als Frankreich. Das führt z.B. dazu, dass die 22. größte Agglomeration Deutschlands, Bielefeld, in Frankreich auf Platz 10 wäre (größer als Toulon). Der Großraum Mannheim übrigens hat 1,25 Mio Einwohner und läge in Frankreich auf Platz 4. Wenn so Provinzstadt aussieht...

Kommentare:

  1. Ein bisschen wahr das mit den Provinzstädten schon. Im Ruhrgebiet ist wirklich jede Großstadt ein ICE-Bahnhof auch wenn die nur 10min voneinander entfernt sind. Warum? Oder warum muss ein ICE in Göttingen UND in Kassel halten? Warum Frankfurt UND Hanau?

    Die Bahn könnte es auch so belassen wie es ist und einfach mehr "Sprinter" machen. Zum Beispiel wie Berlin-Frankfurt. Die müsste nur ein paar ICEs nachbestellen.

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  2. Hi Ulf. Nette Uhrzeit zum Kommentar verfassen ;)

    Nutzenfunktion eines Halts: Eine Betrachtung Hbf->Hbf macht in meinen Augen wenig Sinn, sondern nur Tür-zu-Tür. Wenn in "Provinznestern" wie Bochum genug Leute aus- und einsteigen, kann sich global ein Halt dort lohnen. So häufig fahren die Züge aus Essen oder Dortmund nämlich nicht. Und meine Erfahrung mit Provinznestern ist, dass dort wirklich einige aus- und einsteigen. Dazu gab es auch Mathematiker, die Modelle entworfen haben.

    Zu Frankfurt und Hanau: Bei Frankfurt ist zuallerst der Hbf selbst das Problem, nicht Hanau. Wer aus Norden einfährt, fährt einmal schön um die ganze Stadt rum (Fibonacci mit der DB). Besonders schön, wenn man dann nach Süden weiter will.

    Zum Sprinter: Wenn es sich anbietet, nutze ich die auch. Die Zeitgewinne halten sich aber echt in Grenzen. Ich sehe eher den Komfortfaktor als Gewinn. So erfolgreich ist das Konzept jedenfalls nicht, sonst gäbe es mehr Sprinter. ;)

    Wenn ich dazu komme (nächstes Halbjahr) schreibe ich noch etwas mehr dazu.

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  3. Kann in letzter Zeit schlecht Einschlafen. Der Kaffeekonsum muss im Tagesverlauf wohl schneller gedrosselt werden ;)

    Die Bahn hat in diesen Tagen ganz andere Sorgen. Die können froh sein wenn ihre Züge überhaupt noch fahren.

    Klar hast du recht. Ob irgendwo viele Leute ein- und aussteigen muss nichts mit der offiziellen Einwohnerzahl innerhalb von Verwaltungsgrenzen zu tun haben. Eigentlich wäre die Bahn dann schlau beraten wenn sie versucht herauszufinden "what the customer wants" um das Angebot für diese Kundschaft zu verbessern und durch schlauere Planung dabei vielleicht sogar noch einen Groschen hier und da einsparen können oder noch mehr neue Kunden anlocken.

    Aber wie gesagt dafür braucht die Bahn erstmal Züge, die nicht gleich bei sommerlichen Außentemperaturen zu einer stickigen Sauna werden.

    Die ganze Geschichte mit der knappen Wartung und Instandhaltung ist ein Vermächtnis der Mehdorn-Ära. Wie auch die ungereinigten Toiletten, kaputten Türen, defekte Klimaanlagen usw. Man kann jetzt sagen daß Mehdorn für den geplanten Börsengang in die alte "mach die Braut hübsch" Trickkiste gegriffen hat. Ökonomisch gesehen hat Mehdorn gezeigt wo die untere Grenze liegt: Wieviel Reserven, Organisational Slack, ungenutzte Ressourcen muss man vorhalten um ein bestimmtes Service-Level aufrecht zu erhalten. 100% Service für 0 Geld geht nicht, das ist Phantasie. Man kann sowas vielleicht für einen Kleinbetrieb halbwegs berechnen. Für einen Großkonzern wie die Bahn ist das ziemlich nicht-berechenbar (in endlicher Zeit).

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