Freitag, 9. Juli 2010

Die Dienstleistungsgesellschaft ist tot

Es gab mal eine Zeit, da war immer die Rede davon, Deutschland müsse Dienstleistungsgesellschaft werden. Man schaute auf die Vorbilder England und Amerika, beides Länder mit höherem „Wachstum“ als Deutschland. Dort „analysierte“ man die Aufteilung des BIPs auf die Sektoren Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistung. Dann stellte man fest, dass eine Verschiebung hin zur Dienstleistung stattfand. Wenn Deutschland ähnlich wachsen wolle, müsse die selbe Verschiebung auch bei uns stattfinden. Who needs Rover!

Vielerlei hätte man schon damals gegen diese These einwenden können. Die Working Poor sind ein Phänomen der Dienstleistungsgesellschaft, ebenso die auseinanderklaffenden Einkommen und in Amerika die fehlende Krankenversicherung vieler Arbeitnehmer. Auch die Überzeugung, dass die Industrie ein „veralteter“ Sektor sei, ist wirr. Einerseits lässt sich auch heute noch im ältesten aller Sektoren, der Landwirtschaft, Geld für Holland verdienen. Andererseits ist Dienstleistung alles andere als ein moderner Sektor: Schon im alten Ägypten gab es Schreiber, Vorkoster, Priester …


Übertüncht wurde das alles von New York und London. Die geheime Zutat der englischen und amerikanischen Dienstleistungsgesellschaft waren der Finanzsektor und seine sagenhaften Profite und Gehälter. Auch wenn manche von der „Finanzindustrie“ schreiben bzw. auf „Finanzprodukte“ verweisen, sind Banken natürlich dem Dienstleistungssektor zuzurechnen.

Heute, nach der Finanzkrise, zeigt sich, dass das aus dem Finanzsektor stammende „Wachstum“ nicht nachhaltig war. Es war aufgebläht durch Immobilienblasen in den USA und UK. Hinzu kam das mystische Schneeballsystem des Buchgewinns, wo alle lange Zeit gemeinsam gewinnen können und am Ende nur die Deutsche Bank und Goldman Sachs.

Lustigerweise kommt eine Nation mit miesen Banken und einem antiquiert organisierten Industriesektor statt Dienstleistungsgesellschaft ziemlich gut durch die Krise: Deutschland. Dank hochbegabter Akteure am Finanzmarkt wird den Deutschen gerade der Weltmarkt per Euro-Abwertung geöffnet. In Amerika sei ja alles besser. Dank der Dienstleistungsgesellschaft. Genau. Did you drink the Kool-aid?

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