Dienstag, 27. Juli 2010

Fast gar nichts ist nicht nichts

Viele Berufe sind mit gewissen Stereotypen verknüpft. Sei es bei Psychologen, in deren Gegenwart viele Laien direkt die Sorge drückt, auf psychische Krankheiten abgeklopft zu werden. Sei es bei Ärzten, denen man unterstellt, sie seien allwissende Generallisten und könnten sowohl bei der Pustel auf dem Rücken als auch bei Verdauungsproblemen helfen. Tatsächlich kann man froh sein, wenn ein Facharzt sein eigenes Fachgebiet überblickt geschweige denn beherrscht... Oder sei es bei IT-Beratern im Bankenumfeld. So wie mir.

Einerseits hören viele "Berater" und meinen direkt, ich wäre hochbezahlt, mein Heim sei das Vorstandsbüro und meine Hauptaufgabe die strategische Vernichtung von Arbeitsplätzen per Powerpointfolie. Weit gefehlt. Mein Gehalt ist alles andere als exorbitant, viele meiner Freund verdienen signifikant mehr als ich. Einen Bankvorstand habe ich bis heute noch kein Mal gesehen. Und Powerpointfolien baue ich gefühlt dreimal im Jahr. Selbst die werten Strategieberater sind nicht jeden Tag mit Motorsäge und Hackebeil unterwegs, um ihre Tagessätze zu rechtfertigen.

Anderseits hören viele Bank und nehmen mich direkt in Sippenhaft. Die Unsummen, die die Krise gekostet hat, wollen gerechtfertigt werden. Ich sag' dann immer, dass ich die kleinste Leuchte in der Bankenwelt bin: ein Externer in der IT, bei dem fast gar nichts vom großen Kuchen ankommt. Trotzdem bin ich mir bewusst, dass a) fast gar nichts nicht nichts ist und b) ich meine begrenzten Ressourcen einer Branche zur Verfügung stelle, deren Rolle im großen wirtschaftlichen Ganzen ich hier regelmäßig kritisiere.

Zu meiner Rechtfertigung sei gesagt, dass es eher der Zufall war, der mich herbrachte. Ich hatte Vorstellungsgespräch bei einer IT-Beratung und wurde von denen zufällig dem Ressort Banken und Versicherungen zugeordnet. Es klappte und ich ging hin. Dann kam die Krise und es war tatsächlich ganz witzig, an der IT mitzubauen, während oben die Finanzwelt wackelte. Ich hätte damals das Interview für die Tagesschau machen sollen, als sie vor der Tür standen. Und heute ist es so, dass ich eben am besten für Banken qualifiziert bin. Die Branche bietet gute Arbeitsbedingungen, ich sehe mich im Vergleich zum Durchschnittsinternen als gut qualifiziert und es wird auf absehbare Zeit weiterhin Banken geben. Ich sehe mich also auch zukünftig als Subventionsnutznießer. Deswegen an dieser Stelle nochmal das obligatorische Dankeschön an den deutschen Steuerzahler.

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