Freitag, 11. Dezember 2009

Der Hai im Spiegel ist ein Hering

Der Spiegel hatte vor einiger Zeit ebenfalls einen interessanten Artikel (Hai und Hering) zum Thema Landesbanken. Es ging um eine spezielle Landesbank, die HSH Nordbank.

Was mich als IT-Berater freut, war direkt die Einleitung: "Gut, vielleicht hat das Debakel dieser Bank ja wirklich etwas damit zu tun, dass die Jungs aus dem Risk Management falsche Werte für die Bermudan Swaptions in Kondor lieferten. Oder mit den CCY-Basisswaps, ihren Fehlimpulsen für die Hedgeposition."

Beim Lesen habe ich mich ernsthaft gefragt, wer ohne Bankenwissen diese Einleitung verstehen soll:
  • Kondor ist ein Front Office/Handelssystem von Reuters, das bei sehr vielen Banken im Einsatz ist.
  • Eine Bermudan Option ist eine Option, die über einen Zeitraum zu bestimmten Stichtagen gezogen werden kann. Das unterscheidet sie von einer European Option (nur zum Endzeitpunkt) und einer American Option (über den gesamten Zeitraum). Eine Bermudan Swaption ist eine Option auf einen Swap. Finanzmathematisch ist das Berechnen von Bermudans sehr schwer.
  • Ein CCY-Basisswap ist ein Cross Currency Swap, wo beide Seiten des Swaps unterschiedliche Währungen haben.
  • Ein Hedge ist ein Absicherungsgeschäft. Angenommen ich bin stark in VW investiert, dann kann ich mein Risiko "hedgen", indem ich Verkaufsoptionen kaufe.
Der Artikel ist lesenswert. Ich möchte an dieser Stelle zu einigen Aussagen Stellung nehmen.




Englisch in Unternehmen: "Das ging angeblich so weit, dass es sich mindestens ein ausländischer Mitarbeiter, der perfekt Deutsch sprach, zur Regel machte, seine Berichte im Vorstand auf Englisch vorzutragen. Weil so weniger Nachfragen kamen und sie schneller abgenickt wurden." Habe ich so in vielen Unternehmen ebenfalls erlebt.

Kondor vs Calypso: Im Text werden zwei Computersysteme erwähnt, Kondor und Calypso. Man kann Kondor mit einem alten Lastenpferd vergleichen. Es läuft auf Sybase unter Solaris, hat in der 2.6. Version noch eine Motif-Oberfläche und ist in die Jahre gekommen. Ein Großteil der Berechnungen in Kondor wird über Stored Procedures abgewickelt und man hat als Entwickler freien Zugriff auf die Datenbank.
Kondor ist gut für Standardprodukte. Die neuen, finanzmathematisch schwierigen Produkte wie Bermudan Options kann es nicht. Es ist außerdem ein reines Front Office System. Für Reporting und Risikomanagment werden extra Komponenten benötigt bzw. das muss außerhalb gemacht werden.

Calypso ist in diesem Beispiel das moderne Rennpferd. Es hat eine moderne Architektur (Java) und kann all die exotischen Produkte rechnen, die uns das letzte Jahrzehnt gebracht hat. Das Problem mit Calypso ist, dass es SEHR teuer ist. Auch die Entwickler, die Calypso anpassen können, sind rar gesäht und sehr teuer. Es ist ein junges System, so dass es nicht viele Calypso-Spezialisten gibt. Und es ist ein geschlossenes System, in das man nur schwer hineinschauen kann.

Die Ahnungslosigkeit der BaFin: Im Text wird schön beschrieben, dass die HSH die BaFin jahrelang an der Nase herumgeführt hat. "'Wir haben nicht die Absicht, die BaFin über diesen Deal zu informieren', mailte ein HSH-Manager im Dezember 2007." In meinen Augen leidet die BaFin daran, dass sie Dokumenten-zentriert arbeitet (sie schaut lieber in die Anforderungs- und Testdokumentation als in den Quelltext) und die Prüfung über standardisierte Pfade läuft. Man vereinbart einen Termin mit der Bank, man fragt bestimmte Dokumente ab und prüft die, man trifft sich mit den Abteilungsleitern.

Kleines Beispiel: Ich habe bei einem Kunden in einem Tag ein Benutzerkonzept für seine Risikosoftware geschrieben. Die Bank hatte dieses Konzept ewig nicht aktualisiert, es war ziemlich schrottig und das Vorhandensein eines aktuellen Benutzerkonzepts wird von der BaFin vorgeschrieben. Just an diesem Tag wollte die BaFin es dann sehen. Mit Copy und Paste und flinker Feder haben wir dann eine aktuelle Version erstellt. Für die BaFin sah das Dokument top aus.

Der Witz daran war, dass das fehlende Benutzerkonzept im Vergleich zur offenen DB-Schnittstelle das viel geringere Problem war. Die offene DB-Schnittstelle hat die BaFin so aber gar nicht zu Gesicht bekommen. Dazu hätte sie einfach mal einen Prüfer zur IT schicken müssen, der sich nicht mit den Abteilungsleitern unterhält, sondern einen Kaffee mit dem Admin trinkt.

Da der Text an dieser Stelle schon verdammt lang ist, mache ich hier eine Pause. Demnächst dann, was mich am Artikel stört.

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