Sonntag, 10. Januar 2010

Schach, Island und das Kleingedruckte

Zu Weihnachten saßen wir morgens zum Frühstück und mein Vater laß den Sportteil. Dort fand er einen Artikel zum neuen Führenden der Schachweltrangliste und regte sich auf. Die Schlagzeile war ähnlich zu: "Magnus Carlsen: Frühreif auf dem Schachgipfel." Er gab mir den Artikel, aber ich fand nichts zu beanstanden.

Er erklärte mir dann, was ihn störte. Die Berichterstattung suggeriere, dass es unvorstellbar sei und noch dazu eine krasse Ausnahme, wenn ein 19-Jähriger die Schachweltrangliste anführt. Der Autor kramte Carlsens individuellen Besonderheiten hervor, um diese Situation zu begründen. Aus dem oben verlinkten Artikel: "Mit Schach begann er erst mit neun Jahren. Mit 13 war er schon Großmeister , mit 17 Weltklasse."

Wer Zeit und Lust hat, sich die Weltrangliste anzuschauen, stellt fest, dass es dort einige Spieler gibt mit Jahrgang 1990 und jünger. Auf Platz 18 kommt ein Franzose (Jahrgang 1990), auf Platz 51 ein Italiener (Jahrgang 1992) und auf Platz 77 ein Philippine (Jahrgang 1993). Es gibt also ein paar mehr Wunderkinder, wobei Carlsen momentan führt.

An sich ist das Alter der Spieler im Schach dramatisch runtergegangen. Die Spieler sind fast alle im besten Fußballeralter (35 und jünger), was früher nicht der Fall war. Als Gründe für diese Entwicklung werden das Internet und die starken Computergegner gesehen. Bei Carlsen handelt es sich also nicht um eine rare Ausnahme, sondern um einen Trend. Diese Erklärung wäre wünschenswert gewesen. So wie im Tagesspiegel, wo steht: "'Heute kann ein 15-Jähriger mehr über das Schach wissen als Bobby Fischer in seinem ganzen Leben', sagt Kasparow."



Man mag meinen Vater in dieser Frage als penibel betrachten. Es geht schließlich nur um ein Spiel. Und ist diese Unterscheidung überhaupt wichtig? Für mich repräsentiert es ein Kernproblem der Medien. Wenn man sich mit einem Thema auskennt, findet man wenige Artikel in den Medien, die dieses Thema akkurat wiedergeben.

Ein Beispiel war für mich die Berichterstattung über Kaupthing (s. Post Mein Kaupthing Konto). Die besten Infos gab es nicht in den Zeitungen, sondern im Kaupthing Forum. In den Medien waren die gierigen Kleinanleger omnipräsent. Nur mal für all die Schlaumeier, die mit "höhere Rendite = höheres Risiko" kommen: Von einer Risikoprämie von < 0,75% leite ich keinen Totalverlust ab. So ist es dann auch nicht gekommen: Kaupthings Vermögenswerte haben gereicht, um die Forderungen der Privatanleger zu bedienen.

Gegenwärtig ist Island wieder in den Medien (s. Post Island wieder auf der Karte). Grundtenor in den Medien: Die Isländer wollen gar nicht zahlen. Und die Kundenentschädigung fällt aus. Ein kurzer Blick in den englischen Wikipedia Artikel zur IceSave-Situation reicht, um festzustellen, dass Island bereits ein Entschädigungsgesetz im August 2009 verabschiedet hat. Und dass die Kunden in Großbritannien und in den Niederlanden bereits durch die nationalen Regierungen entschädigt wurden. In die englische Wikipedia zu gucken, sollte man als Journalist von Welt hinkriegen.

Das Gesetz vom August enthielt einen Passus, dass Island maximal bis 2023 zahlt und danach die staatlichen Zahlungen einstellt. Diesen Passus haben England und die Niederlande aber zurückgewiesen. Sie bestehen darauf, dass Island zeitlich unbefristet zahlt, also so lange Schulden da sind. Man sieht, hier geht es ums Kleingedruckte und nicht um das Ganze "Voting away your debts".

Beim Kleingedruckten kommen noch ein paar Punkte hinzu, die ich aus der Berichterstattung für mich nicht klären kann. Die Niederlande haben z.B. ihre IceSave Sparer bis zu 100.000€ erstattet, England voll. Die Grenze in Island lag aber bei 20.000€. England zumindest besteht auf einer vollen Kompensation, was der isländischen Einlagensicherung nicht entspricht. Bei den Niederlanden finde ich keine Information. Wie viel zusätzliche Kosten dadurch auf die Isländer zukommen, ist nirgends dokumentiert.

Ein anderer Punkt ist, wie viel die Assets von Landsbanki wert sind. Der ehemalige Hauptbesitzer meint, es sollte ohnehin reichen. Okay, der Typ hat sich auch einen englischen Fußballclub gekauft und die Aussage stammt von 2008. Aber auch der Guardian schreibt 2010: "Failed bank's assets may pay Icesave bill". Wir werden sehen.

Von den Medien würde ich mir jedenfalls wünschen, dass sie etwas mehr Zeit in die Recherche stecken, bevor sie wieder über Kleinsparer und Isländer herziehen. Ehrlich: Wikipedia lesen und googlen sollte drin sein. Aber ist es wohl nicht mehr.

1 Kommentar:

  1. Schach am Rande:
    Bald kommt StarCraft2. Das könnte das "Brett" wieder leerfegen. Es gibt mehr Geld in Korea! Schon die "Großmeister" von Warcarft3 waren mit spästens 25 Geschichte - und das sicherlich nicht dadurch, dass sie weniger manisch unnütze Klicks-per-minute erzeugen konnten... Meine Einschätzung ist einfach nur, dass einige zu Jung für Warcraft waren. Oder es war den richtigen Gosus auf Dauer zu simpel? ;-)

    AntwortenLöschen