Donnerstag, 3. Juni 2010

Robert E und die Umleitung

Als regelmäßiger Bahnfahrer hatte ich weder Verständnis noch Mitgefühl für Robert E's Selbstmord. Sich vor einen Zug zu schmeißen, steht bei mir auf der Hassliste ganz oben. Mit seinem Ableben versaut man tausenden von Bahnreisenden den Tag, ganz zu schweigen vom Lokomotivführer, der nichts machen kann, oder den Einsatzkräften, die im Anschluss aufräumen müssen.

Wenn es nach mir ginge, würde pietätlos weggeräumt und weitergefahren. Stattdessen rückt die Polizei an und prüft, ob es sich wirklich um einen Selbstmord handelt. Das dauert je nach Erreichbarkeit der Unfallstelle eine bis drei Stunden (Erfahrung). Zwei Stunden ist ein guter Richtwert. Die Strecke Frankfurt-Köln klammere ich hier explizit aus.

Der Ablauf nach einem Personenschaden läuft in etwa so. Es kommt die Durchsage, die vom Personenschaden oder vom Notarzteinsatz spricht. Und dass bis auf weiteres die Strecke gesperrt sei. Und dann wird erst einmal gestanden. Was dann passiert, hängt vom eigenen Glück ab.


Wenn alles gut geht, wartet man einfach, bis die Strecke wieder freigegeben wird. Unterstellen wir eine durchschnittliche Sperrung von zwei Stunden. Unterstellen wir zusätzlich, dass man nicht in eben dem Zug saß, der den Selbstmörder erfasst hat (der muss ohnehin bis zum Ende warten). Seit dem Unfall ist bereits einige Zeit verstrichen (ca. 30min). Macht also 1,5h Verspätung, die sich ergeben, wenn man einfach wartet, bis die Einsatzkräfte fertig sind.

Ich schreibe, wenn alles gut geht. Planbare 1,5h Verspätung kann ich relativ gut verschmerzen; als Bahnreisender bin ich es nicht anders gewöhnt.

Wenn alles normal läuft, kommt die Netzleitung leider auf die Idee, den Zug umzuleiten. Da wird dann die Strecke Stuttgart München über Nürnberg gefahren oder ähnlich intelligente Ideen. Man will die Bahnsteige im Bahnhof frei haben. Man will den Kunden das Gefühl geben, was zu tun. Und man plant gegen den Worst Case, dass wider Erwarten die Aufräumarbeiten bis in die Nacht andauern.

Nichts für ungut, liebe Netzleitung: Personenschäden im Netz der Deutschen Bahn sind der Regelfall. Die durchschnittlichen Einsatzzeiten samt Streuung pro Unfallort, Wetter und Uhrzeit sollten mittlerweile bekannt sein, so dass eine Worst Case Kalkulation mir nicht zweckdienlich erscheint. Deswegen weiter mit dem Durchschnittswert.

Allein von der optimalen Fahrtzeit her bedeuten Umleitungen schnell eine Verlängerung von 1h. Das unterstellt, dass die Strecke frei ist und man dort schnell fahren kann. Das ist aber nicht gegeben. Gute Strecken sind gut verplant. Da hängt man dann im ICE hinter einer Regionalbahn fest. Wird man auf Nebenstrecken umgeleitet, braucht es keinen anderen Zug, um einen ICE auszubremsen: Die Strecken haben eine Tempobegrenzung. Ich bin schon im Schritttempo durch deutsche Lande gerollt. 30 Minuten „Puffer“ auf die optimale Fahrzeit scheinen mir angebracht.

Damit sind wir mit der Umleitung nun schon genauso verspätet wie ohne. Zusätzlich muss man aber noch die Organisationszeit der Umleitung draufschlagen. Bevor die Bahn entscheidet, umzuleiten, vergeht Zeit, sicherlich 10 Minuten. Man sieht, eine Umleitungen ist häufig (im Durchschnitt) ein Minusgeschäft. Das berücksichtigt noch nicht einmal, dass man durch Umleitungen auch andere Züge noch in die Verspätung treibt (also im Gesamtnetz die Verspätung erhöht). Die Netzleitung muss irgendwann lernen, die Züge einfach stehen zu lassen. Let it be.

Einen Vorteil haben verspätete Züge übrigens doch: Ab 60 Minuten Verspätung bin ich noch nie kontrolliert worden. Wer also Geld sparen will…

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