Samstag, 3. Juli 2010

Die Zeugen Jehovas vom Spiegel

Mein Onkel hat vor langer Zeit mal festgestellt, dass der Spiegel in regelmäßigen Abständen alte Textbausteine wieder neu zusammensetzt und daraus einen neue Story gießt. Mehrwert null, dafür leicht (billig) herzustellen.

Prominentestes Beispiel sind unzählige Geschichten über den Zweiten Weltkrieg und Hitler Deutschland, für die es unzählige Coverstories gab (..., 45/2008, 21/2009, 35/2009). Don't talk about the war. Meinen Onkel hingegen störten insbesondere die wiederkehrenden Wissenschaftsartikel zur Evolution und zur Menschheitsgeschichte.

Im Wirtschafts- und Politikressort findet sich diese Masche ebenfalls. Wenn es nach dem Spiegel (und anderen Meinungsführern) ginge, hätte in Deutschland schon lange die wirtschaftliche Apokalypse eintreten müssen. Und genau wie die Zeugen Jehovas nach der "verpassten" Apokalypse 1914, sind weder unser heutiger Wohlstand im Allgemeinen noch die guten Zahlen zum Wirtschaftswachstum 2010 im Speziellen ein Grund für die Spiegel-Redakteure, mit den Kassandrarufen aufzuhören. Don't stop talking about tomorrow. Im Gegenteil sehen sie sich sogar bestärkt: "[D]ie eigentliche Krise steht Deutschland noch bevor.", wie man dem Artikel "Letzte Chance Radikalkur" bei Spiegel Online entnehmen darf. Diagnose kognitive Dissonanz.

Allein die Überschrift ist einer Nachrichtenseite nicht würdig. Ich hatte eigentlich keine Lust mehr, mir wieder (s.o.) den Untergang erklären zu lassen. Been there, done that. Aber weil es so schön ist und die Prognos-Studie gerade die Runde macht, einmal ein kurzer Abriss.

Eine Prognose für die nächsten 25 Jahre ist an sich schon mal ziemlich gewagt. Im Kommunismus hat das mit fünf Jahresplänen nicht geklappt. Und der Trackrecord solcher Zukunftsvorhersagen ist gelinde gesagt bescheidenSo long, so wrong.
"Das Wirtschaftswachstum dümpelt auf niedrigem Niveau, die Bevölkerung schrumpft rapide und zusätzlich kämpft sich der Staat an einer nie dagewesenen Verschuldung ab."
Dümpeln auf niedrigem Niveau heißt in der Studie 1%: Die Wirtschaft wächst also immer noch. Dann bemerkt der Spiegel (gleicher Satz!) selbst, dass die Bevölkerung schrumpft. Das heißt im Umkehrschluss, dass der selbe Wohlstand unter weniger Bürgern aufgeteilt wird. Es muss dem einzelnen also nicht schlechter gehen.


Die große Unbekannte hier ist außerdem die Inflation bzw. das reale Wachstum, was nach der Inflation verbleibt. Ist das positiv, sind wir alle etwas reicher geworden. Darüber kein Wort vom Spiegel. Not to be seen.

Apropos Inflation: Die "nie dagewesene Verschuldung" hatten wir bereits in der Weimarer Republik. Ist bald hundert Jahre her, aber ein Durchschnittsjournalist sollte die Deutsche Geschichte des 20. Jahrhundert überblicken können. Dont know much about history.
"Bricht man die Zahlen weiter herunter, wird die Gruppe der Personen im erwerbsfähigen Alter bis 2035 um mehr als acht Millionen oder rund 17 Prozent sinken. Der Wirtschaft werden die Arbeitskräfte zunehmend wegbrechen."
Der kritische Begriff hier ist die "Gruppe der Personen im erwerbsfähigen Alter". In einigen Ländern würde die Spanne von Kindestagen bis zum Ableben laufen. In Deutschland wird diese Spanne gemeinhin durch das Renteneintrittsalter die Regelaltersgrenze politisch definiert. In jedem Fall sollte das "Wegbrechen der Arbeitskräfte" älteren Arbeitnehmern zusätzliche Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt bieten, was einerseits die Rentenproblematik entschärft, andererseits den Fachkräftemangel.
 "Gravierend bleibt zudem das Problem der Staatsverschuldung. Wie soll ein Staat, der jahrzehntelang über seine Kosten gelebt hat, in die Zukunft investieren beziehungsweise kräftig wachsen?"
Der beliebteste Schuldner dieser Tage ist die BRD. Jetzt sehe ich ein, dass an den Finanzmärkte nicht immer die allerhellsten Typen unterwegs sind. Not too bright. Schlauer als die Jungs von Prognos dürften die Leute trotzdem sein. So schlimm kann die Schuldenproblematik also gar nicht sein. Dass bei den Steuern die Grenze der Belastbarkeit erreicht sei, sehe ich jedenfalls nicht. Ohne nach Skandinavien zu schauen, liegen wir fünf Prozentpunkte unter OECD-Schnitt.
"Vorreiter werden dagegen Länder wie China und andere Staaten speziell in Asien, die mit zweistelligen Wachstumsraten aufwarten."
Wie nachhaltig das Wachstum in China ist, darüber gibt es bereits seit einigen Jahren größere Diskussionen (toll visualisiert bei Google Archive). So toll sieht es dort momentan jedenfalls nicht aus. I see rainy days. Dazu berichtet auch Spiegel.de: "China- und USA-Ernüchterung zieht Dax ins Minus". Prinzipiell ist es erst einmal ein Grund zur Freude, wenn Entwicklungsländer schnell wachsen und der Wohlstand auch dort Einzug hält. Wohlstand, den wir bereits schon haben. Nebenbei bemerkt: Wachstum steigert ja auch die Nachfrage nach Investitionsgütern... Are you selling?
 "Allerdings lassen die Schweizer Forscher noch eine Spur Zuversicht zu - sollte Deutschland schnell die Weichen stellen. Stichwort Alterung und Arbeitsmarkt: Das gesetzliche Renteneintrittsalter müsste schrittweise angehoben werden, mehr Zuwanderer müssen ins Land gelassen werden und mehr Frauen arbeiten."
Wer sich die Pressemitteilung von Prognos anschaut, findet dort übrigens keine Weltuntergangsphantasien, sondern eine sachlich Beschreibung. Die "Spur Zuversicht" dichtet sich der Spiegel dazu. Made up along the way. Journalistisch ist es ziemlicher Schweinkram, die eigene Meinung einer anderen Quelle anzudichten und ein Meinungsstück in einem Bericht zu verstecken.

Tatsächlich werden von Cognos Common Sense Vorschläge gemacht, auf die sich abzeichnenden Probleme zu reagieren. Ohne Hektik und Panik. Stünde Wissenschaftlern auch nicht so gut an.
"Daneben sei eine längere Wochenarbeitszeit zwingend - wenn auch moderat."
Zur Unsitte Arbeitskraft und Arbeitszeit zu verwechseln, habe ich einen meiner ersten Posts geschrieben. It's not that simple. An sich bin ich sehr skeptisch, mehr Arbeitszeit mit mehr Arbeitsergebnissen gleich zu setzen (s. Posts zur Arbeitszeit). Und die lieben Betrieben haben ja immer die Möglichkeit, finanzielle Anreize für die Mehrarbeit zu gewähren. I would be more than happy.

Mal sehen, wie lange die Spiegel-Redakteure noch auf den Weltuntergang warten. Keep fishin. Ich hingegen setze mich gleich auf den Balkon, genieße den Sommer und warte auf etwas Sinnvolleres: das Fußballspiel. Auch das ist Wohlstand. Immaterieller.

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