Sonntag, 8. August 2010

Mythos blöde Landesbanker

Die von Bloggern sehr geschätzte Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) hat vor kurzem eine kleine Studie zum aktuellen Reformbedarf in Deutschland publiziert. Einerseits soll der Staat die Banken besser regulieren und die Aufsicht verbessern, andererseits sich möglichst schnell von seinen Bankbeteiligungen trennen. Adressiert werden hier primär die leidigen Landesbanken.

Die Landesbanken sind in der Bankenkrise so etwas wie die omnipräsenten Prügelknaben. Sie haben ahnungslos den amerikanischen Wertpapier-Giftmüll gekauft. Motto: Sell it to the Landesbanken! Auch das Osteuropa-Geschäft haben sie forciert. Und das alles unterfeuert vom Auslaufen der Landesbürgschaften. Das Risikomanagement hielt nicht Schritt. Milliarden waren letztlich nötig, um die Landesbanken am Leben zu erhalten. Schnell hört man auch die Klage, ach hätten wir den Sektor doch nur vor Jahren konsolidiert …

Und im Gezeter geht irgendwann der Bezug zur Realität der Finanzkrise unter. An den miesen Landesbankern hat alles gelegen! Und an den öffentlichen Eigentümern! Seht Euch nur die Deutsche Bank als Vergleich an.

Für mich ist der blöde Landesbanker ein Mythos, der vielen Seiten nutzt und deswegen regelmäßig rausgekramt wird. Deswegen ist er nicht richtig.

  • In den USA und in Groß-Britannien gibt es keine Landesbank und trotzdem wurde der dortige Bankensektor massiv mit Staatsknete gestützt. In Deutschland haben neben öffentlichen Banken (Landesbanken, kfw) auch semi-öffentliche (IKB) und private Banken (Commerzbank/Dresdner, Hypo Real Estate/Depfa) viel Geld verloren und wurden staatlich gestützt. Klassenprimus ist und bleibt hierbei die ehemalige Privatbank Hypo Real Estate.
  • Wer sich trotz Doping-Geschichten für die Tour de France interessiert, weiß, dass Lance Armstrong (ebenfalls trotz Doping-Geschichten) mit fast vierzig Minuten Verspätung in Paris ins Ziel fuhr. Sieht nach viel aus, ist aber nur ein Augenblick, wenn man die 40 Minuten mit der Gesamtfahrzeit der Tour vergleicht.(20 Etappen, 3600km, 98 Stunden). Und Zeiten außen vor gelassen: Selbst der letztplatzierte Fahrer, der in Paris ankommt, hat eine unmenschliche Leistung vollbracht. Aber: The winner takes it all. Genauso ist es am Finanzmarkt. Ein „Versagen“ heißt also nicht, dass man „blöd“ ist, sondern primär dass ein paar andere, z.B. die Deutsche Bank, den Tick schlauer sind.
Jetzt habe ich schon in Privat- und Landesbanken gearbeitet. Die Kulturunterschiede zwischen den Banken hielten sich in Grenzen. Mit dem Blick des hochdynamischen Jungberaters mag vieles zu langsam gehen. Aber: Eine Bank ist kein hochinnovatives Startup, sondern ein Konzern, der in einem hoch regulierten, wenig innovativem Markt aktiv ist.

Zu guter letzt die Frage, wem der (falsche) Mythos nützt. Oben war ja in Form der INSM bereits ein Beispiel aufgeführt. Statt zuzugeben, dass die Liberalisierung des Bankensektors ein Fehler war, wird ein Sündenbock gesucht, der ins eigene Weltbild passt. Dabei wird übersehen, dass Banken eben nicht dem produktiven Teil der Wirtschaft zuzurechnen sind. Schöner Kommentar vom Herdentrieb zur Rolle der Banken:

"Dabei sind die Finanzunternehmen de facto Unterabteilungen des Staates und entziehen der Wirtschaft ständig Milliarden von Dollar durch sinnlose Spekulationen in Aktien, Anleihen, Rohstoffen und Derivativen. Sie hätten niemals überleben können ohne staatliche Einlagegarantien und mehr oder weniger kostenloses Geld von der Fed."

Wenn es nur um überkommene Werte ginge, wäre das Problem halb so wild. Für mich geht es auch darum, ein Verbrechen zu verdunkeln. Man gibt dem Betrugsopfer die Schuld, betrogen worden zu sein. Hat ja keiner die Landesbanken gezwungen, die miesen Papiere zu kaufen. Und im Geschäftsverkehr sei ohnehin alles erlaubt.

Also schauen wir uns mal an, wo alles mit krimineller Energie agiert wurde, bevor die amerikanischen Hypotheken als Asset Backed Securities in den Bilanzen der Landesbanken landeten. Da wäre zuallererst einmal der Vertrieb der Kredite zu nennen. Die Makler, Berater, Banker Betrüger zielten nur auf den schnellen Provisionsertrag ab, wenn sie Hypotheken verkauften. Selber was riskiert haben sie nicht, denn sie verkauften diese Hypotheken direkt weiter. Man muss sich mal vor Augen führen, dass es Ninja Loans gab: No income, no job, not assets (kein Einkommen, kein Job, kein Vermögen).

Dann landeten die Kredite bei einer international renommierten Investment Bank. Dort wurden die Hypotheken in Wertpapiere (Mortgage bzw. Asset Backed Securities) gebündelt und an die geschätzten Kunden weiterveräußert, z.B. die Landesbanken. Selbst hielt man sich dabei schadlos. Statt selber Risiko zu tragen, spekulierte man sogar gegen die eigene Kundschaft, um das Risiko zu hedgen, siehe Goldman Sachs.

Natürlich wurden diese „Wertpapiere“ beworben durch eine Ratingagentur gerated. Da dieselbe Ratingagentur in einem Parallelgeschäft die Investmentbank dabei unterstütze, diese „Wertpapier“ risikominimierend zu strukturieren, und da dieses Parallelgeschäft sehr viel profitabler war, kann man sich vorstellen, wie gut das Rating war. Ist AAA bei Unternehmen die krasse Ausnahme, aktuell gibt es nur 16 Firmen in den USA mit AAA-Rating, flogen einem im Verbriefungsmarkt die AAA nur so um die Ohren, dass einem Hören und Sehen verging. Und das obwohl hinter den Verbriefungen Kredite zwielichtiger Bonität (Ninja!) standen.

Dabei nutzten die Ratingagentur staatliche Regulierung schamlos aus. Einerseits reklamierten sie für sich, keine Haftung zu tragen, da sie nur ihre Meinung äußerten und dies durch die Redefreiheit geschützt sei. Andererseits wurden die Banken durch Gesetze explizit gezwungen, diese Ratings für die Bewertung ihrer Positionen zu verwenden. Es lebe Basel 2.

Am Ende der Kette haben wir bei den Landesbanken einzelne Mitarbeiter, Manager und Vorstände, die selber gut dastehen wollen. Sie gucken auf den Kurzzeitgewinn; davon hängt ihr Bonus ab. Und missachten das Langzeitrisiko; da sind sie schon längst weg. Auch hier war kriminelle Energie am Werk. Im Nachgang konnte man sich dann ebenfalls auf den Mythos blöde Landesbanker berufen. Dann nämlich wenn es darum ging, persönliche Haftung abzulehnen. Da kommt mir eine Idee: Statt eines Schuldeingeständnisses sollte man ein Blödheitseingeständnis fordern. Thomas Fischer?

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